Beginn des Seitenbereichs: Inhalt

Reges Leben im Darm

Wenn der Darm rebelliert, zwickt oder blubbert, ist niemand so wirklich gut drauf. Unser Wohlbefinden hängt wesentlich mit einer intakten Darmfunktion zusammen. Unser Darm und der darin lebende Kosmos sind ein wahres Wunderwerk, eine Symbiose, die unsere Gesundheit entscheidend beeinflusst.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sitzen in der Oper und freuen sich auf Mozarts „Zauberflöte“. Das Orchester setzt ein, die Protagonisten betreten die Bühne, doch bedauerlicherweise sind „Papageno“ und die „Königin der Nacht“ krank geworden. Das Orchester ist großteils zugegen, nur leider fehlen die Querflöten, die Violinen und der Dirigent. Die Vorstellung beginnt ohne diese Mitspieler. Wetten, dass Sie bereits nach dem ersten Akt die Vorstellung enttäuscht und erbost verlassen werden? Sie werden sich beschweren, denn Sie haben einen harmonischen Abend erwartet, an dem alle Sänger und Musiker perfekt zusammenspielen.

Der Darm funktioniert ebenso wie ein großes Ensemble, in dem alle Mitspieler bestimmte Aufgaben haben. Im Darm sind diese Mitspieler zwar keine kreativen Künstler, doch – biologisch betrachtet – hochaktive und spezialisierte Lebewesen: Bakterien, die das Organ mit Leben füllen. Doch Harmonie und Balance müssen schließlich auch in unserem Kosmos Darm vorherrschen, um Beschwerden, Ärger oder Krankheiten zu vermeiden.

Basis für Gesundheit und Wohlbefinden

Bakterien und Mikroorganismen sind allgegenwärtig. Sie leben auf unserer Haut, in der Nase, im Darm. Unser Verdauungstrakt ist von etwa 100 Billionen Bakterien besiedelt, die ein stattliches Gewicht von bis zu 2 Kilo auf die Waage bringen. Wissenschaftlich bezeichnen Mediziner die Gesamtheit an Mikroorganismen im Menschen als Mikrobiom. Das Leben im Darm ist für die Medizin in jüngster Zeit hochinteressant geworden.

Lange wurde der Darm als verzichtbares Organ betrachtet. Der Chirurg des britischen Königshauses, Sir Arbuthnot Lane, nahm vor etwa 100 Jahren sogar an, dass vom Dickdarm die Vergiftung unseres Körpers ausginge. Man solle ihn am besten entfernen, selbst wenn keine Erkrankungen vorlägen. Glücklicherweise hat dieses lebenswichtige Organ mit der Entwicklung der Ganzheitsmedizin und dank Erkenntnissen von Ärzten und Wissenschaftlern wie Ilya Metschnikoff oder F. X. Mayr eine neue Bedeutung erhalten. „Der Darm ist für den Menschen das, was die Wurzel für den Baum ist“, hat F. X. Mayr formuliert. Neue wissenschaftliche Studien unterstreichen diesen Ansatz.

Wie in jedem Ensemble oder Team haben auch die Bakterien des Darmmikrobioms spezielle Aufgaben. „Gute“ Bakterien achten darauf, dass die Darmschleimhaut sauber bleibt, Verdauung und Immunsystem klaglos funktionieren und schädliche Keime bekämpft werden. Die „Guten“ schützen uns vor Infektionen, indem sie den pH-Wert im Darmmilieu verändern, eine dichte Barriere aufbauen, sodass kein böser Eindringling eine Überlebenschance hat. Sie fördern auch die Bildung von Immunglobulin-A, das die Abwehrbarriere stärkt und so der Entstehung von Allergien vorbeugen kann. Dem heutigen Wissensstand zufolge hat das Darmmikrobiom noch viele weitere Funktionen – und immer mehr werden entdeckt: So etwa beeinflusst es unser Nervensystem, das Schmerzempfinden und die Art und Weise, wie unsere Nahrung verwertet wird.


Die Kraft des Baumes stammt aus seinen Wurzeln - die Kraft des Menschen aus seinem Darm.

F.X.Mayr


Die Guten und die anderen

Das komplexe Mikrobiom des menschlichen Darms enthält eine mehr als hundertfach größere genetische Information als das menschliche Genom. Eine Entschlüsselung, das heißt ein Erkennen und Erklären der unzähligen Bakterienarten und -gruppen ist erst durch die Sequenzierung möglich geworden, also durch die biotechnische Möglichkeit, mit der auch das menschliche Erbgut seit Anfang des 3. Jahrtausends entschlüsselt werden kann. Dabei hat man herausgefunden, dass es „Firmicuten“ und „Bacteroidetes“ gibt, die idealerweise in einem Verhältnis von 1:1 im Darm vertreten sein sollten, damit wir die Nahrung optimal verwerten können – also weder spargeldünn bleiben und alles unverbraucht wieder ausscheiden, noch kugelrund werden, weil jedes Salatblatt als Fettpolster an den Hüften hängen bleibt. Bakterien leben in unterschiedlicher Häufigkeit in den verschiedenen Abschnitten unseres Darms. So ist beispielsweise der Zwölffingerdarm weniger dicht von Keimen besiedelt, weil die Umgebung für viele Bakterien zu stark von Säuren dominiert ist – sie könnten dort nicht überleben. Im Dünndarm finden sich die bekanntesten aller guten Bakterien, die Lactobazillen, aber auch Enterokokken, die für das Immunsystem wichtig sind. Die meisten Bakterien fühlen sich im Dickdarm wohl, vorwiegend sind das gute Bifidobakterien, aber auch Fäulnisbakterien sind hier vertreten.

Hochaktiv und hilfreich

Lactobazillen und Bifidobakterien sind äußerst hilfreich im Kampf gegen krankmachende oder potenziell unangenehme Mikroorganismen. Sie befreien den Darm und die Darmzotten von faulenden Nahrungsresten und bauen eine Barriere an der Darmschleimhaut auf, sodass Gifte und Schadstoffe nicht über das Blut in den Körper gelangen können. Außerdem fördern sie die Produktion von Vitaminen, Enzymen, Aminosäuren und essenziellen Fettsäuren. Lactobazillen und Bifidobakterien sind also hochaktive Darmbakterien, welche die saure Magen-Darmpassage überwinden und daher bis in den Dickdarm vordringen können. Für den gesamten Darm ist es wichtig, dass gute Keime in der Überzahl sind. Unterstützen kann man dies mit prä- oder probiotischen (Nahrungs-) Mitteln. Viele der sogenannten „probiotischen“ Bakterien sind seit etwa 100 Jahren gut untersucht:

Sie können Durchfallerreger bekämpfen, die Verdauung durch Enzymproduktion unterstützen oder auch das Immunsystem stabilisieren und dienen daher als Schutzschilder gegen Allergien, Neurodermitis oder Asthma. Allergieauslösende Stoffe können jedoch auch durch eine löchrige Darmschleimhaut (Leaky Gut) in den Körper eindringen. Das passiert, wenn der Körper z.B. durch Antibiotika oder auch durch Stress geschwächt ist, weil der Großteil der Bakterien dadurch abgetötet und die Muzinschicht, die schleimhautschützende Schicht im Darm, zerstört wurde. Dann funktioniert weder unser Immunsystem noch funktionieren die Schutzmechanismen, und wir leiden plötzlich unter Heuschnupfen oder Hautausschlägen.

Der Darm ist ein hochsensibles Organ, das auf jede Veränderung auch nur eines einzigen Bakterienstammes mit einer Veränderung des gesamten Mikrobioms reagieren kann. So gibt es bereits klare Hinweise aus der Forschung, dass an chronischen Darmentzündungen, Fettleibigkeit, Diabetes, Krebs, Rheuma, Asthma und vielen Autoimmunerkrankungen ein Ungleichgewicht der Bakterien „schuld“ sein kann und dies sogar auch bei seelischen Problemen wie Depressionen eine Rolle spielt. Unser Mikrobiom hat daher nach Ansicht der Wissenschaft ein mächtiges Potenzial für die Erhaltung unserer Gesundheit – vorausgesetzt es ist stark genug und in Balance.


Antibiotika zerstören nicht nur "böse", sondern auch "gute" Bakterien, bewirken sozusagen einen Kollateralschaden.


Wenn der Darm leidet

Mittlerweile liegen ausgezeichnete Untersuchungen vor, die zeigen, dass Infektionserkrankungen dank Antibiotikagaben in den vergangenen 20 Jahren zurückgegangen sind. Jedoch ist im gleichen Ausmaß die Zahl chronischer Entzündungen (wie von Asthma, Typ1-Diabetes, Morbus Crohn oder Multiple Sklerose) angestiegen. Die Infektionsmedizin zeigt jedoch auch, dass die übersteigerte und falsche Einnahme von Antibiotika zu großen Problemen geführt hat. In vielen Krankenhäusern kommt es zu Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen wie etwa dem Durchfall-Erreger „Clostridium difficile“. Der Grund: Antibiotika zerstören nicht nur die „bösen“ Keime, sondern auch gute Bakterien, bewirken sozusagen einen Kollateralschaden. Gleichzeitig entwickeln sich bei vielen Patienten im Zuge der Antibiotikagabe auch Resistenzgene, die das Darmmikrobiom nachhaltig stören und den Menschen vermutlich anfälliger für Autoimmunreaktionen machen. Vor der Entwicklung von Antibiotika traten diese Erkrankungen nicht im heutigen Ausmaß auf. Das lässt den Schluss zu, dass die neu entdeckten Medikamente das Mikrobiom massiv verändert haben. Viele Menschen leiden heute an Immundefiziten oder autoimmunologischen Erkrankungen, die schwer zu behandeln sind. Deshalb sind immer mehr Mediziner bereits davon überzeugt, dass gerade chronische Erkrankungen mithilfe einer gesunden Darmflora bekämpft werden können.

"Darm an Hirn"

Zwischen Darm und Gehirn besteht ein reger Informationsfluss. Veränderungen des Mikrobioms können daher auch Änderungen der Gehirnfunktion und des Verhaltens mit sich bringen. Studien zeigen, dass bei einigen psychiatrischen Erkrankungen ein Ungleichgewicht von Darmkeimen besteht. Bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Reizdarm, Bauchschmerz, Angsterkrankungen, Depression, Ängstlichkeit, Stressempfindlichkeit, chronischer Erschöpfung sowie Autismus liegen bereits klinische Daten vor, die einen Zusammenhang zwischen diesen Erkrankungen und dem Zustand der Bakterienflora im Darm bestätigen. Erklärbar ist dies durch ein kompliziertes Zusammenspiel des Darmmikrobioms mit sensiblen Botenstoffen im Gehirn, die Informationen übertragen. Wissenschaftler haben festgestellt, dass wichtige Hormone mit Hilfe unserer Darmbewohner produziert werden, wie etwa das Glückshormon Serotonin. Diese Botenstoffe können Verhaltensänderungen hervorrufen und Emotionen steuern – der Kommunikationsweg beginnt bereits im Darm, dort wo Hormone mit Nerven zusammenarbeiten.

Gute Darmbewohner brauchen beste Nahrung

Unsere Ernährung hat einen wesentlichen Einfluss auf unser Darmmikrobiom. So etwa kommen bei Übergewichtigen andere Bakterienarten häufiger vor als bei dünnen Menschen. Auch für das Hunger- und Sättigungsgefühl ist das Zusammenspiel einiger Bakterienarten verantwortlich. Das Darmmikrobiom reguliert nicht nur unsere Verdauung, sondern hilft auch dabei, unsere Nahrung so aufzuspalten, dass unserem Körper Vitamine und Spurenelemente zur Verfügung gestellt werden können. Dies ist ganz entscheidend für die Erhaltung unserer Gesundheit. Denn was nützt es, gesunde Nahrung oder auch Vitalstoffe zu schlucken, wenn wir sie dann unverdaut wieder ausscheiden? Doch nicht nur wir wollen gut ernährt werden, auch unsere Darmbewohner brauchen das richtige „Futter“. Für sie sind präbiotische Nahrungsmittel wichtig, also Ballaststoffe, welche die Aktivität der Bakterien fördern. Präbiotika sind beispielsweise in Chicorée, Topinambur, Schwarzwurzeln oder Artischocken reichlich enthalten und natürlich auch in der Apotheke erhältlich. Wenn unsere Bakterienflora allerdings durch häufige Medikamentengaben, Stress oder falsche Ernährung geschädigt ist, so müssen wir die wichtigsten Leitkeimstämme für den Darm von außen zuführen. Und zwar nicht nur einen, sondern unterschiedliche. Wichtig dabei ist es, speziell jene Keime aufzunehmen, die tatsächlich bis in den Dünn- und Dickdarm vordringen können und nicht bereits durch die Magensäure zerstört werden. Die Forschung hat in den letzten 20 Jahren sehr viel über das Darmmikrobiom und seine Auswirkungen auf unsere Gesundheit herausgefunden. Erst das Verständnis des Zusammenspiels unserer Darmbakterien macht eine umfassende Vorsorge und Therapie möglich. Doch diese wissenschaftliche Disziplin ist noch jung und es gibt noch vieles zu entdecken, zu entschlüsseln. So etwa hängt die Besiedelung unseres Darms zwar von Ernährung, Lebensumständen und Medikamenteneinnahme ab, doch auch die geographische Herkunft eines Menschen hat Einfluss auf das Leben im Darm. Demnach haben Afrikaner oder Asiaten ein anderes Mikrobiom als Mitteleuropäer. Das Mikrobiom ist ein Riesenkosmos, in dem komplexe Abläufe stattfinden – ein spannendes Neuland, in dem die Medizin noch vieles erfahren darf, was uns allen zu mehr Gesundheit verhelfen kann. Fest steht: Der Darm, ein bisher oftmals vernachlässigtes Organ, hat enormes Potenzial, Körper, Geist und Seele zu dirigieren. Wie in einem exzellenten Orchester, das im perfekten Zusammenspiel Harmonie und Einklang hervorbringt.

Stand der Information: Montag, 09. Oktober 2017

Ende dieses Seitenbereichs.
Springe zur Übersicht der Seitenbereiche.