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Ungleichgewicht der Scheidenflora

Die Vaginalflora der Frau ist ein wichtiger Schutzschild vor schädlichen Keimen. Milliarden unterschiedlicher nützlicher Laktobazillen – auch Milchsäurebakterien genannt – sorgen nämlich für einen sauren pH-Wert (3,8–4,5) in der Scheide, in dem sich krankmachende Bakterien und Pilze nicht vermehren können. Dieser Schutz ist besonders wichtig, um die gesamten Fortpflanzungsorgane von Frauen gesund und funktionsfähig zu erhalten.

Der Aufbau der Vaginalflora erfolgt bereits ab der Geburt durch die orale Aufnahme von nützlichen Bakterien. Diese wichtigen Symbionten kennen exakt ihren Bestimmungsort im menschlichen Körper und finden ihren Platz innerhalb kürzester Zeit. Somit ist es gerade nach Antibiotikaeinnahme, aber auch wenn andere Störungen im Vaginalbereich auftreten, essentiell, genau jene Bakterien wieder oral zuzuführen, welche dann in kürzester Zeit die Scheide besiedeln. 

Die normale Scheidenflora geschlechtsreifer Frauen setzt sich vor allem aus Laktobazillen (den sogenannten „Döderlein-Bakterien“) sowie weiteren anaeroben und aeroben Bakterien der Haut- und Darmflora zusammen. Unter dem Einfluss von Östrogen wird in den Plattenepithelien der Schleimhautzellen Glykogen gebildet, welches von Lactobazillen zu Milchsäure (Laktat) verstoffwechselt wird und so einen sauren pH-Wert von 3,8-4,4 entstehen lässt. Dieses saure Milieu ermöglicht die Bildung von Stickstoffmonoxid (NO), welches bakterizid und viruzid wirkt, indem es Zellmembranen von pathogenen Bakterien bzw. Proteinhüllen von Viren zerstört. Zudem werden pathogene Mikroorganismen durch Wasserstoffperoxid (H2O2) in Schach gehalten, welches von Laktobazillen sezerniert wird (Wolf, 2009). Im Scheidenmilieu von Frauen mit diagnostizierter bakterieller Vaginose (BV) ist eine signifikant geringere Zahl von H2O2-bildenden Laktobazillen vorhanden.

Je nach ethnischer Herkunft der Frau dominieren unterschiedliche Laktobazillus-Arten, wobei die Kolonisierung mit Lactobacillus crispatus und Lactobacillus jensenii mit einem verminderten Auftreten von bakteriellen Vaginosen einhergeht (Antonio, 1999). In einer wissenschaftlichen Untersuchung an Schwangeren konnte gezeigt werden, dass Frauen mit einer gesunden Vaginalflora vermehrt die Arten L. crispatus, L. rhamnosus, L. gasseri und L. jensenii aufweisen (Kiss, 2007).


Keine falsche Scham!

Häufig sprechen Frauen aus Scham nicht über ihre Beschwerden im Intimbereich, sondern ziehen sich zurück und kapseln sich ab. Darunter leidet aber nicht nur das weibliche Selbstwertgefühl, sondern häufig auch die Beziehung zum Partner. Wichtig ist die ärztliche Abklärung der Beschwerden, die Sicherung der Diagnose (u.a. mittels Scheidenabstrich) und eine geeignete Therapie, um die Scheidenflora schnellstmöglich wieder ins Lot zu bringen und ein Aufsteigen der schädlichen Keime in den Bauchraum zu verhindern. 

Dysbiotische Vaginalflora = Nährboden für Infektionen

Sobald es zu mikrobiologischen Störungen des Scheidenmilieus bei der erwachsenen Frau - also zu einer Dysbiose - kommt, begünstigt dies Infektionen des Bauchraums mit Entzündungen der Organe des kleinen Beckens = „Pelvic Inflammatory Disease“. Komplikationen entstehen durch sekundäre Infektionen u.a. mit dem humanen Papilloma-Virus (HPV), dem Herpes-simplex-Virus (HSV) oder verschiedenen Pilz-Spezies (z.B. Candida).

Insbesondere in der Schwangerschaft sind vaginale Infektionen unterschiedlicher Art problematisch und gefährden Mutter und Kind: Eine bakterielle Vaginose (BV) während der Schwangerschaft erhöht aufgrund der aszendierenden Infektion das Risiko eines vorzeitigen Blasensprungs, verfrühter Wehentätigkeit und somit einer Frühgeburt. Zudem besteht nach der Geburt des Kindes erhöhte Gefahr einer Entzündung der Gebärmutterschleimhaut (Endometritis) bzw. von Wundinfektionen, wofür besonders Frauen nach einer Sectio anfällig sind. Ebenso führt die vulvovaginale Candidose häufig zu Kontraktionen bzw. vorzeitigen Wehen, und die mütterliche Morbidität scheint erhöht zu sein.

Neuere Publikationen deuten darauf hin, dass eine veränderte Besiedelung der Vagina auch für rezidivierende Harnwegsinfekte verantwortlich ist. Sind nicht genügend, H2O2-produzierende Laktobazillen vorhanden oder können sie keine antibakteriellen Schutzstoffe bilden, gerät das Ökosystem der Scheide aber auch der Blase aus dem Gleichgewicht und pathogene Mikroorganismen führen zu Kolpitis, Zystitis aber auch zur Salpingitis (Entzündung der Eierstöcke).


Häufige Infektionen des Vaginaltraktes

 

Bakterielle Vaginose (BV)

Die bakterielle Vaginose (BV) ist die häufigste mikrobiologische Störung des Scheidenmilieus bei Frauen im gebärfähigen Alter. Dieses klinische Syndrom entsteht durch den Verlust H2O2-produzierender Laktobazillus-Spezies in der Vagina bzw. durch eine Überwucherung der Scheidenflora mit Gardnerella vaginals, Bacteroides spp., Prevotella spp. oder anderen anaeroben pathogenen Bakterien. Die Prävalenz liegt in Europa bei 5% (bei Frauen, die zur Vorsorgeuntersuchung gehen), in der Schwangerschaft steigt die Häufigkeit auf 7-22% drastisch an.

 

Symptome und therapeutische Optionen

Die bakterielle Vaginose ist oft mit einem gelblich-grünlichem und unangenehmen, fischigen Ausfluss verbunden. Es kann gelegentlich zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr kommen. Wichtigstes Anzeichen ist das Ungleichgewicht der Scheidenflora – der ph-Wert liegt über 4,5. Darüber hinaus treten neben Juckreiz auch Schmerzen im Vaginalbereich und im Unterbauch auf, sowie Beschwerden während des Geschlechtsverkehrs.


Die Therapie der BV erfolgt in erster Linie mit oral oder lokal angewandten Antibiotika (Metronidazol, Clindamycin). Für das erste Schwangerschaftsdrittel wird diese Behandlung jedoch nicht empfohlen. Aufgrund des erhöhten Risikos einer BV gerade in der Schwangerschaft stellt sich die Frage nach adäquaten therapeutischen Alternativen.

Üblicherweise haftet dem Vaginalepithel bei Vorliegen einer BV ein polymikrobieller Biofilm an – typisch für chronische Infektionen. Dieser Biofilm wird bei allen bisher eingesetzten Therapien nicht entfernt, weshalb eine BV sehr häufig chronisch rezidivierend auftritt: Nach 3 Monaten sind nur 60-70% der Betroffenen beschwerdefrei, nach einem halben Jahr liegt die Heilungsquote noch weit darunter.

Neuesten Erkenntnissen zufolge ist die Anwendung bestimmter Lactobazillus-Stämme jene Möglichkeit, um die Rezidive der BV nach vorhergehender Behandlung mit Antibiotika oder Azida zur Senkung des vaginalen pH-Wertes deutlich zu reduzieren: Durch den Einsatz von Probiotika kann die Rezidivquote der BV um etwa die Hälfte gesenkt werden (AWMF, 07/2013). Eine zeitgemäße Form der Probiotika-Applikation ist die orale Anwendung selektierter Lactobazillus-Stämme. Dies entspricht dem natürlichen Weg, wie probiotische Keime von Beginn des Lebens an den Vaginaltrakt besiedeln. Studien zeigen, dass das Rektum bzw. der Darm eine wichtige Rolle als Reservoir für Lactobazillen spielen, die den Vaginaltrakt kolonisieren (Petricevic, 2012). Durch die orale Anwendung können zusätzliche Reizungen der ohnehin irritierten Vaginalschleimhaut durch chemische Zusatzstoffe von Kapselhüllen und Zäpfchen vermieden werden. Die natürliche Befeuchtung der Scheide erfolgt innerhalb weniger Tage durch die Stoffwechselprodukte von Laktobazillen.

Bakterielle Vaginose in der Schwangerschaft

Die Vorbeugung bzw. rechtzeitige Behandlung einer bakteriellen Vaginose während der Schwangerschaft ist in Absprache mit dem Gynäkologen ganz besonders wichtig, da ein erhöhtes Risiko für vorzeitige Wehen bzw. einen Fruchtblasensprung sowie eine Frühgeburt entstehen kann. Darüber hinaus kann es durch den fehlenden Säure-Schutzschild auch zu Infektionen kommen. 

Scheidenpilz

Die vulvovaginale Candidose (VC), auch Scheidenpilz genannt, zählt ebenfalls zu den häufigsten Infektionen des weiblichen Geschlechtstraktes: Im Lauf des Lebens sind 70-75% der Frauen zumindest einmal betroffen, bis zu 50% der Frauen erfahren häufig wiederkehrende Infektionen. Am häufigsten wird dieser Hefepilz durch Candida albicans (85-90%) ausgelöst, aber auch C. glabrata und andere Pilz-Spezies können die Beschwerden verursachen. Die Diagnostik beruht auf einer Kombination aus Anamnese, klinischen Symptomen und dem mikroskopischen Nachweis von Hefepilzen aus der Vaginalflüssigkeit.

 

Symptome und therapeutische Optionen

Das häufigste Symptom einer VC ist Juckreiz, zudem treten veränderter Ausfluss (dünnflüssig bis flockig), vaginale Rötung, Wundheitsgefühl, Brennen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sowie beim Wasserlassen auf.

Die Therapie erfolgt mit lokal oder oral angewandten Antimykotika, wobei auch hier Einschränkungen in der Anwendbarkeit während der Schwangerschaft gegeben sind. Zusätzlich ist Candida glabrata gegen die üblichen Dosierungen aller für gynäkologischer Zwecke zugelassenen Antimykotika nicht ausreichend empfindlich (AWMF, 12/2013). Gerade deshalb nimmt die Bedeutung von Probiotika zu: Es wurden bereits Laktobazillus-Stämme identifiziert, welche die vaginale Kolonisation mit Pathogenen signifikant verringern und zudem eine protektive Rolle bei VC spielen können.

► ►Nützliche Tipps für den Alltag finden Sie unter www.vaginal-gesundheit.com

Stand der Information: Dienstag, 03. Oktober 2017

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