Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Allergie?

Ing. Elisabeth Schön, MSc.

Wie erkennt man eine Nahrungsmittelintoleranz – und was steckt dahinter?

Immer mehr Menschen leiden unter einer oder sogar mehreren Nahrungsmittelintoleranzen, auch als Nahrungsmittelunverträglichkeiten bezeichnet. Oft werden Intoleranzen mit Allergien gleichgesetzt. Auch wenn die auftretenden Symptome ähnlich sind, liegen doch gravierende Unterschiede in den Ursachen und Mechanismen vor. Wie erkennt man eine Nahrungsmittelintoleranz – und was steckt dahinter?

 

Der Unterschied zwischen Allergie und Intoleranz

Eine Nahrungsmittelallergie ist eine Überreaktion des Immunsystems, ausgelöst durch Eiweißbestandteile in Nahrungsmitteln, die vom Körper als fremd angesehen werden. Diese somit unverträglichen Proteine werden auch als Allergene bezeichnet. Durch die daraus entstehende Überreaktion werden Antikörper, sogenannte Immunglobuline, gebildet. Treffen Allergen und Antikörper aufeinander, setzen die körpereigenen Mastzellen Histamin frei. Histamin ist eine körpereigene Substanz, die in geringen Mengen beim Verdauungsvorgang und vermehrt bei allergischen Reaktionen produziert wird. „Eine echte Nahrungsmittelallergie ist selten. Nur etwa 2-5% der Weltbevölkerung sind von einer Allergie gegen bestimmte Nahrungsmittelgruppen betroffen. Im deutschsprachigen Raum sind das bis zu 8% der Kinder und etwa 1-4% der Erwachsenen“, beziffert Katharina Hammerl, MSc., Ernährungswissenschaftlerin und medizinische Beraterin am Institut Allergosan.

Deutlich häufiger kommt eine Nahrungsmittelintoleranz vor. Einer Intoleranz gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln liegt – im Gegensatz zu einer Allergie – keine Reaktion des Immunsystems zugrunde, sondern meist ein Enzymdefekt. Eine Ausnahme stellt die Glutenunverträglichkeit dar: Hierin ist das Immunsystem stark involviert. Doch gleich, ob Allergie oder Intoleranz – die Beschwerden im Magen-Darm-Bereich sind sehr ähnlich: Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung treten häufig auf. „Kohlenhydrate werden zum Beispiel vom Körper nicht richtig aufgenommen und gelangen dann in Darmabschnitte, in die sie nicht gehören. Die dort befindlichen Bakterien verstoffwechseln diese Zucker, und die daraus resultierenden Abbauprodukte führen zu Beschwerden“, erklärt Mag. Hammerl. Neben Symptomen im Magen-Darm-Bereich können auch unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit und allgemeine Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Herzrasen, Schluckstörungen und eine laufende Nase auftreten. Gerade weil die Beschwerden sehr unspezifisch sein können, ist auch die Diagnose oft nicht so schnell gestellt, und es kann zu einer regelrechten Odyssee für den Betroffenen kommen.

Bleibt eine Zöliakie unbehandelt, verändert sich die Dünndarmschleimhaut ganz charakteristisch: Die Dünndarmzotten, die unzähligen kleinen Vorwölbungen der Schleimhautoberfläche, verschwinden weitgehend. Dies bezeichnet man auch als Zottenatrophie. Unter strikt glutenfreier Ernährung erholt sich die kranke Dünndarmschleimhaut.

Die häufigsten Intoleranzen

Zu den häufigsten Intoleranzen gehören die Laktose- und Fruktoseintoleranz, die Histaminintoleranz sowie die Glutenunverträglichkeit bzw. Zöliakie. Bei der Laktoseintoleranz, der Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker, handelt es sich um ein enzymatisch bedingtes Leiden. „Das Enzym Laktase wird nicht in ausreichenden Mengen produziert, als Folge kann Milchzucker im Darm nicht in Glukose und Galaktose aufgespalten werden. Stattdessen wird die Laktose von den Darmbakterien zersetzt. Dadurch ergeben sich die typischen Symptome wie starke Blähungen und Durchfall“, erläutert die Ernährungswissenschafterin. Die Laktoseintoleranz ist sehr weit verbreitet: In nordischen Ländern können 80-90% der Bevölkerung Laktose verstoffwechseln, hingegen können das nur 10-30% der Menschen in Südeuropa und nur 1-2% der Einwohner in Äquatornähe und Asien.

Die Histaminintoleranz ist ebenfalls eine enzymatische Intoleranz. Durch das Enzym Diaminoxidase (DAO) wird Histamin im Darm abgebaut. Wird zu wenig DAO produziert, kommt es zu einem unzureichenden Abbau von Histamin. Dies geschieht immer dann, wenn die DAO-Enzyme überlastet sind, weil zu viel Histamin mit der Nahrung aufgenommen wurde (z. B. in Rotwein, Käse, Nüssen …). Auch wenn die Darmschleimhaut erkrankt ist oder es zu akuten Stresssituationen kommt, sind die DAO-Enzyme nicht mehr in der Lage, ihre Arbeit zu verrichten. Das Resultat sind Bauch- und Kopfschmerzen, Durchfall, Hautausschläge, Juckreiz, eine laufende Nase, mitunter sogar Asthma und Herz-Rhythmus-Störungen.

Bei der Fruktoseintoleranz muss man zwischen der Fruktosemalabsorption, bei der Fruchtzucker nicht vollständig aufgenommen wird, und der erblichen Fruktoseintoleranz unterscheiden. Blähungen, Bauchkrämpfe und Übelkeit treten bei beiden Erkrankungen nach dem Verzehr von Obst, Marmelade, Fruchtsäften oder gewissen Gemüsesorten auf.

Eine Glutenunverträglichkeit – nicht zu verwechseln mit der Weizenallergie – ist eine Intoleranz gegenüber dem Klebereiweiß Gluten, welches in vielen Getreidearten, etwa in Roggen, Hafer, Dinkel und Weizen, vorkommt. Bei der schwersten Form, der Zöliakie, handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die zu einer chronischen Entzündung der Dünndarmschleimhaut führt. Dadurch wird die Funktion des Dünndarms deutlich beeinträchtigt und die Aufnahme von Nährstoffen gestört. Infolgedessen leiden die Patienten unter Mangelzuständen, Verdauungsstörungen und weiteren vielfältigen Symptomen. Die daraus entstehende Zottenatrophie – so bezeichnet man den Verlust der Dünndarmzotten (dies sind unzählige kleine Vorwölbungen der Schleimhautoberfläche) – ist charakteristisch für die Zöliakie (siehe Abbildung). Betroffene müssen auf eine ausreichende Nährstoffversorgung achten, speziell aber auf eine absolut glutenfreie Ernährung.

Einer Intoleranz gegenüber bestimmten Nahrungsmitteln liegt - im Gegensatz zu einer Allergie - keine Reaktion des Immunsystems zugrunde, sondern meist ein Enzymdefekt.

Weniger bekannte Intoleranzen

Neben den bekannteren Intoleranzen gibt es aber auch noch Unverträglichkeiten, die selten auftreten – die sogenannten Pseudoallergien. Expertin Mag. Hammerl erklärt: „Mit einer Häufigkeit von 0,1% kommen diese sehr selten vor. Viel häufiger ist die Annahme der Patienten, an dieser Unverträglichkeit zu leiden. Personen mit chronischer Nesselsucht, auch Urticaria genannt, neigen allerdings vermehrt zu Pseudoallergien.“ Zu diesen zählt unter anderem eine Intoleranz gegenüber Schwefeldioxid und Sulfiten. Diese Schwefelverbindungen werden vor allem zur Konservierung von Lebensmitteln verwendet, wo sie zum Beispiel das Braunwerden von Trockenfrüchten verhindern. Sie kommen allerdings auch natürlich in Lebensmitteln vor. So enthalten etwa Wein, Sauerkraut, Traubensaft und Zitronen große Mengen an Sulfiten.

Auch andere Lebensmittelzusatzstoffe, allgemein auch als „E-Nummern“ bezeichnet, können in seltenen Fällen eine pseudoallergische Reaktion auslösen. Zu diesen Stoffen gehören etwa der Konservierungsstoff Benzoesäure, diverse Farbstoffe, Aromastoffe oder der Geschmacksverstärker Glutamat. Eine Glutamatunverträglichkeit geht oft mit dem sogenannten „Chinarestaurant-Syndrom“ einher, welches sich durch Kopfschmerzen, ein Spannungsgefühl im Kopf und Gesicht, Schweißausbrüche und Schwindel äußert. Die Lebensmittelgruppen und Stoffe, welche Pseudoallergien hervorrufen, verursachen allerdings meist erst in größeren Mengen Symptome und können relativ gut im Alltag gemieden bzw. vom Speiseplan gestrichen werden.

 

Der oftmals schwierige Weg zur Diagnose

Eine Diagnose in Hinblick auf Intoleranzen zu stellen ist in vielen Fällen nicht einfach und kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Im Fall der Fruktosemalabsorption und der Laktoseintoleranz wird die Diagnose durch einen H2-Atemtest gestellt. Dabei wird eine Fruktose- bzw. Laktoselösung nüchtern eingenommen und anschließend in regelmäßigen Abständen die Wasserstoffkonzentration im Atem bestimmt. Bei der erblichen Fruktoseintoleranz hingegen gibt ein Gentest Aufschluss.

Um eine Histaminintoleranz mit Sicherheit festzustellen, steht noch keine einheitliche Diagnostik zur Verfügung. Hier ist vor allem die Mitarbeit des Betroffenen gefragt. In erster Linie wird die Krankengeschichte gezielt erfasst, meist durch einen Allergologen, sowie die Diaminoxidase aus dem Blut bestimmt. Ist die DAO-Konzentration zu niedrig, kann man meist von einer Histaminintoleranz ausgehen. Selbstbeobachtung ist ein essenzieller Schritt beim diagnostischen Vorgehen: Etwa drei bis sechs Wochen lang sollte auf histaminarme Kost umgestiegen und die Symptome beobachtet werden. Im Anschluss werden dann unter ärztlicher Aufsicht schrittweise wieder alle Lebensmittel in den Speiseplan aufgenommen. Hier sollte abermals in Form eines Tagebuches notiert werden, welche Nahrungsmittel zugeführt werden und eventuell die Beschwerden verursachen. Dadurch lassen sich die verdächtigen Stoffe oft einfach bestimmen. Ergänzend können Hauttestungen auf diverse Allergene wie auch weitere Blutuntersuchungen durchgeführt werden. Diese Tests liefern allerdings oft falsche Ergebnisse. „Deshalb ist das Auslösen der Beschwerden durch das identifizierte Nahrungsmittel eine der aussagekräftigsten diagnostischen Methoden, jenes muss jedoch aufgrund der möglichen immunologischen Reaktion vorsichtig durchgeführt werden“, betont die Expertin. Die Diagnose sollte bei Verdacht auf eine Histaminintoleranz im Idealfall ernährungstherapeutisch begleitet werden.

Die Zöliakie lässt sich durch bestimmte Antikörper nachweisen. Dies geschieht anhand eines Bluttests. Eine Dünndarmbiopsie gibt zusätzlich Sicherheit. Die diagnostischen Werkzeuge haben sich in den letzten Jahren enorm verbessert. Das ist ein Grund, warum bei immer mehr Menschen eine Glutenunverträglichkeit diagnostiziert wird.

 

Was man bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit tun kann

Was tun, wenn Verdauungsbeschwerden und andere Symptome immer wieder auftreten? Falls eine Unverträglichkeit vermutet wird, können bestimmte Schritte Besserung bringen, auch wenn erst einmal unklar ist, welche Lebensmittel nicht vertragen werden. So kann zum Beispiel das Führen eines Ernährungstagebuches bei der Diagnosestellung helfen. Dabei werden alle Mahlzeiten und auftretenden Beschwerden dokumentiert. Wichtig ist dabei auch die Erfassung der Tages- bzw. Uhrzeiten, da Symptome oft zeitlich stark versetzt auftreten können. Das Tagebuch kann erste Hinweise liefern, welche Nahrungsmittel nicht vertragen werden. Es sollte auch zum Arzt mitgenommen werden, da es bei der Diagnosestellung helfen kann.

Sind die verdächtigen Lebensmittel eruiert, sollten diese im nächsten Schritt für etwa acht bis zwölf Wochen aus dem Speiseplan gestrichen werden. Durch eine Ausschluss- oder Eliminationsdiät bekommt das Verdauungssystem eine Schonzeit, und der Darm kann sich erholen. In dieser Phase ist es besonders förderlich, dem Darm zur Unterstützung gesundheitsfördernde Bakterien zuzuführen. Ernährungswissenschaftlerin Hammerl erklärt: „Die nützlichen Keime können mittels Probiotika eingenommen werden, wodurch die bakterielle Flora wieder ins Gleichgewicht gebracht wird. Lakto- und Bifidobakterien befinden sich natürlicherweise im Verdauungstrakt und sind dafür verantwortlich, dass unser Immunsystem optimal arbeitet, Krankheitserreger im Darm abgewehrt werden und eine dichte Darmbarriere gegen Allergene aufgebaut wird.“ Gerade bei einer Nahrungsmittelintoleranz ist es wichtig, dem Organismus diese förderlichen Bakterien zuzuführen und so die eigene Darmflora zu unterstützen, wenn das Darmmikrobiom geschwächt ist. „Speziell Multispezies-Probiotika fördern den Aufbau der Darmschleimhaut, hemmen die Entzündungsreaktion und wirken stabilisierend auf das Immunsystem“, betont Mag. Hammerl.

Vor allem wenn keine Besserung eintritt, sollte bei Verdacht auf eine Intoleranz der Hausarzt aufgesucht werden. Eventuell erfolgt dann eine Überweisung zum Allergologen oder Gastroenterologen.

Sind die Übeltäter erkannt, sollte man beim Kauf von Lebensmitteln immer auf die Inhaltsstoffe achten. Gut zu wissen: Allergene Inhaltsstoffe und Zusätze, die Intoleranzen auslösen können, müssen von den Herstellern ausgewiesen werden und sind bei den Inhaltsstoffen meist fett gedruckt.


 

 

Typische Symptome bei Nahrungsmittelintoleranzen

  • Bauchschmerzen und -krämpfe       
  • Schluckstörungen
  • Blähungen                                         
  • Herzrasen                  
  • Durchfall                                           
  • Kopfschmerzen
  • Verstopfung                                       
  • Hautreaktionen (Dermatosen)
  • Asthmaähnliche Symptome              
  • Flush (Rötung im Gesicht und am Hals)
  • Müdigkeit                                          
  • Entwicklungsstörungen bei Kindern

 

 

 

Die wichtigsten Ernährungsregeln bei einer Intoleranz

 

LaktoseintoleranzHistaminintoleranzZöliakie
Laktosehaltige Lebensmittel meiden: Milch und Milchprodukte, Käse, Schokolade, Milchspeiseeis, Fertiggerichte, Gebäck (auf die Zutaten achten).Histaminreiche Lebensmittel meiden: Zitrusfrüchte, Ananas, Erdbeeren, Nüsse, Tomaten, Spinat, Käse, Schokolade, Alkohol, manche Tees.Glutenhaltige Lebensmittel meiden: alle Produkte, die Weizen, Roggen, Dinkel, Grünkern, Hafer, Gerste enthalten, sowie handelsübliche Backwaren, Müslis, Bier.
Auf Nummer sicher gehen Sie mit Soja-, Reis- und Mandeldrinks sowie Kokosmilch; achten Sie auf die Inhaltsstoffe auf den Etiketten: Laktose ist als Allergen immer fett gedruckt.Der Histamingehalt ist in frisch gekochten Speisen deutlich niedriger als in aufgewärmten oder in Konserven – frisch kochen, lautet die Devise!Naturbelassene Lebensmittel sind Fertiggerichten und komplex zusammengesetzten Gerichten vorzuziehen. Achten Sie auf als glutenfrei gekennzeichnete Produkte!
Wenig Milchzucker ist zum Beispiel in Schafkäse, Mozzarella und Butterkäse enthalten.Vitamin B6 unterstützt die Diaminoxidase dabei, Histamin abzubauen. Achten Sie auf eine ausreichende Vitamin-B6-Versorgung!Alternativen zu gewöhnlichem Getreide sind Reis, Mais, Hirse, Quinoa, Amaranth und Buchweizen.

Stand der Information: Montag, 19. Februar 2018

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