21. Jun 2019

Mag. Anita Frauwallner

Reisebericht: Insel Yap

Wo Steine noch Reichtum bedeuten

Aug‘ in Aug‘ mit den legendären Mantarochen, in einem Regenwald voller prächtiger Blumen, hingerissen von traditionellen Tänzen – ein kleines Paradies: die Insel Yap in Mikronesien. Eine wunderbare Harmonie von Vergangenheit und Gegenwart wird spürbar, mit Steingeld als einem Symbol für Reichtum.

Da, der schwarze Schatten bewegt sich tatsächlich auf mich zu – vollkommen geräuschlos, die Flügel weit ausgebreitet! Daneben ein zweiter und dahinter noch einer. Ich bewege mich nicht, bleibe auf dem Rücken liegen und atme so ruhig wie möglich. Jetzt ist der erste bei mir, schwebt im Abstand von etwa einem Meter über mir. Nun sehe ich es auch: Seine gut drei Meter langen Flügel sind nicht ganz schwarz, er hat weiße Linien und Streifen auf ihnen, die ich aus der Ferne nicht gesehen habe.

Jetzt ist er über mich hinweggeglitten und der zweite ist da. Knapp vor mir öffnet er sein riesiges rechteckiges Maul und stoppt direkt über mir ohne die geringsten Anzeichen einer Bewegung. Doch – ein Auge wendet er mir zu und scheint mich neugierig zu mustern, dann dreht er langsam ab. Test bestanden. Die riesigen Mantarochen haben akzeptiert, dass wieder einmal menschliche Wesen das Riff mit ihnen teilen. Viele Jahre habe ich davon geträumt, diese majestätischen Meeresbewohner aus nächster Nähe sehen zu können. Und es ist einfach atemberaubend, wie elegant und mühelos sie sich trotz ihrer Größe – manche erreichen ein Gewicht von 1.500 kg – am Meeresgrund entlang bewegen.

Paradiesische Faszination

Vor zwei Tagen erst bin ich hier auf Yap in Mikronesien angekommen, und schon erlebe ich das, wovon ich bisher nur aus vielen Erzählungen erfahren habe. Denn Mantas üben auf Taucher eine unglaubliche Faszination aus, sie scheinen Menschen nicht etwa zu fürchten, sondern – im Gegenteil – immer wieder ihre Nähe zu suchen. Und die Insel Yap ist berühmt für die dichte Population der riesigen Rochen in ihren Gewässern. Doch dieser winzige Staat mit seinen knapp 15.000 Bewohnern hat sich mir bereits am ersten Tag als Paradies präsentiert. Nicht nur aus dem Grund, dass rundherum der Regenwald mit prächtigen Blumen wuchert und die einzige Straße, die es rund um die Insel gibt, geradezu atemberaubende Ausblicke auf das in allen Schattierungen von Blau schimmernde Meer bietet.

Es ist die Freundlichkeit der Menschen, die bezaubert. Die Selbstverständlichkeit, mit der jeder Gast als Freund gesehen wird, für den man gleich einmal zu einem Schwätzchen das Auto anhält, denn die Höchstgeschwindigkeit liegt hier ohnedies nur bei 30 Meilen pro Stunde, und wirklich eilig scheint es niemand zu haben. Die junge Minja, die mir mein Frühstück serviert hat, treffe ich gleich bei meinem ersten Spaziergang in der Stadt, als sie mit dem Auto unterwegs zum Einkaufen ist. Das Baby Mike hat sie gerade an ihre Brust gelegt. Mit einer Hand stützt sie sein Köpfchen, mit der anderen lenkt sie das alte Fahrzeug, das aber in diesem Augenblick ohnehin das einzige weit und breit ist. Sie sagt mir noch, wo ich das Postamt und den Supermarkt finden könne, und tuckert dann weiter – meine Augen folgen ihr erstaunt.

Und dieses Staunen mit großen Augen ist sicherlich der häufigste Gesichtsausdruck für die nächsten Tage. Denn: Als ich den Supermarkt betrete, glaube ich, meinen Augen nicht trauen zu können. Da stehen zwei Frauen und tratschen mit der Kassiererin, was nichts Besonderes wäre, aber: Alle drei sind oben ohne! Die Röcke reichen fast bis zum Boden, doch traditionsgemäß tragen die Yapesinnen keine Oberbekleidung. Minja erklärt mir am nächsten Morgen, dass es vollkommen unmöglich sei, mit einem kurzen Rock aus dem Haus zu gehen, aber die Brust bedecken – wozu? Ich vergrabe alle meine Shorts wieder im Koffer, damit läge ich hier wohl total daneben. Die Knie sind nämlich das, was die Insulaner sexy finden!

Steinwege und Steingeld

Doch jetzt ist meine Neugier erst so richtig geweckt, und ich beginne, mir die Insel zu ‚erwandern‘, um mehr von den Einheimischen und ihrem Leben zu sehen. Meine Wanderung verzögert sich nur, wenn ich – überwältigt vom Farbenrausch der prächtigen Blumen, die jede Familie rund um Haus und Dorf zieht – stehen bleibe, ansonsten komme ich recht einfach voran, denn von jedem Ort zum nächsten sind auf der gesamten Insel, die ja schon seit Tausenden von Jahren vom Volk der Yapesen bewohnt ist, Steinwege angelegt. Vor gar nicht langer Zeit waren sie noch ein kriegerisches Volk, weshalb kein Fremder ihre Dörfer betreten konnte. Wer hinein wollte, musste am Eingang des Ortes ein großes Farnblatt hoch in die Luft halten – schließlich ist es den Yapesen zufolge nicht so leicht, gleichzeitig einen Speer zu schleudern und mit einem Farnblatt zu wedeln.

Ich übernehme einfach die Idee, um allen zu verdeutlichen, dass ich friedliche Absichten habe. Doch die Menschen hier sind schüchtern, wie ich im Reiseführer lese. Ich sehe auf meinen Wanderungen oft nicht eine einzige Menschenseele. Was ich aber sehr wohl sehe, sind riesengroße Steinscheiben vor einigen Häusern. Und genau die sind es, weshalb Anthropologen aus der ganzen Welt nach Yap kommen, denn hier lebt das einzige Volk, für das die Bedeutung von Steingeld über Jahrtausende erhalten blieb. Nun gut, es ist keine internationale Währung, aber für Yapesen hat es nicht nur einen traditionellen Wert, sondern es ist auch das Zahlungsmittel für den Erwerb von Grund und Boden.

Steingeld ist zwar keine internationale Währung, aber für Yapesen hat es nicht nur einen traditionellen Wert, sondern es ist auch das Zahlungsmittel für den Erwerb von Grund und Boden.

Diese Steinscheiben mit symmetrischer Meißelung und einem Loch in der Mitte, das dem Transport dient, können einen Durchmesser von bis zu vier Metern haben, doch das ist nicht entscheidend. Der Wert des Steingelds hängt nämlich davon ab, wie viel Mühe es einst erforderte, die Steine nach Yap zu bekommen. Denn das Material dafür stammt von der Insel Palau, die etwa 300 Seemeilen entfernt liegt, was die Überfahrt im Kanu äußerst gefährlich machte. Heute wird das Steingeld nicht mehr bewegt, doch es zeigt den Status und vor allem den Reichtum einer Familie. Und es gibt tatsächlich eine „Steingeldbank“, in der das meiste Steingeld aufbewahrt wird. Sie hat keine Mauern und man darf sie auch betreten, denn wer würde es schon schaffen, diese Tonnen in der Reisetasche zu verbergen?

Fischen ist Männersache

Besonders oft sehe ich das Steingeld vor wunderschön geschnitzten Holzhäusern mit hohen Giebeln, und meine liebe Minja erklärt mir, dass diese die „Männerhäuser“ seien. Mein Grinsen und die Frage, ob das etwas damit zu tun habe, dass die männlichen Einheimischen, die traditionelle Wickelröcke tragen, tatsächlich auch alle kunstvoll geflochtene Basthandtaschen bei sich haben, nimmt sie mir nicht übel, zuckt aber mit den Schultern und lässt offen, wozu diese Häuser tatsächlich dienen.

Also frage ich meinen einheimischen Tauchguide Sami, der auch so einen „Thuus“ um die Hüften gewickelt hat. Mit ernster Miene erklärt er mir, dass diese Häuser – „Faluw“ genannt – eine wichtige Tradition hätten: Sie dienten als Treffpunkt, um Geschichten zu erzählen, und seien ein Ort des Lernens. So gäben z. B. die Ältesten des jeweiligen Dorfes in ihren Männerhäusern ihre Fähigkeiten und ihr Wissen an die Jugend weiter und unterrichteten sie im Handwerk oder in der Kunst des Fischens oder Segelns. Die Männer müssen angeblich auch die Nacht in solch einem Haus verbringen, wenn sie vorhaben, am nächsten Tag fischen zu gehen.

„Oh ja“, rufe ich, „das bringt mich auf eine gute Idee. Fischen ist eines meiner Lieblingshobbys! Das könnten wir morgen machen!“ Jetzt schaut mich Sami wirklich entsetzt an. Das sei unmöglich, denn Fischen sei eine rein männliche Tätigkeit. Frauen dürften nicht einmal bei den Vorbereitungen dabei sein! Wir bleiben also vorerst beim Tauchen, das mit den tanzenden Mandarinfischen und einer großen Haipopulation ohnedies auch abseits der Mantarochen zu begeistern weiß.

Getanzte Legenden

Um mir etwas Besonderes zu bieten, lädt Sami mich in sein Dorf ein, wo am Nachmittag die traditionellen Tänze geübt werden. Auf Yap ist Tanzen eine Art Kunstform, mit der Legenden weitergegeben werden. Die Yapesen, egal ob männlich oder weiblich, erlernen diese Kunst früh – und es ist ein Fest für die Augen. Alle tragen bunte traditionelle Gewänder, manche Tänzer sind mit Bambusstäben „bewaffnet“. Da ähnelt der Tanz schon sehr einer Kampfsportart. Es gibt aber auch Tänze, die im Sitzen ausgeführt werden, bei diesem „Parngabut“ tanzen eigentlich nur die Hände.

Was jedenfalls wichtig ist: Genau wie bei uns gibt es zu besonderen Anlässen wunderbares Essen, vielfach mit Kokos verfeinert, in Bananenblättern gegart oder auch am offenen Feuer zubereitet. Jetzt ist die Schüchternheit den Fremden gegenüber rasch abgelegt. Mit einem Baby, das in meinem Schoß eingeschlafen ist, und dem rhythmischen Gesang im Ohr fühle ich die wunderbare Harmonie von Vergangenheit und Gegenwart, die den Menschen auf Yap ein Paradies auf Erden geschenkt hat.


Insel Yap

Die Insel Yap ist die Hauptinsel der Inselgruppe „Yap-Inseln“ im Westpazifik, welche wiederum zum Inselgebiet Mikronesien gehören – einem „Inselmeer“ mit über 2.000 tropischen Inseln und Atollen. Zusammen mit drei weiteren Inselgruppen – Gagil-Tomil, Maap und Rumung – bildet der Bundesstaat Yap die unabhängige Inselnation der Föderierten Staaten von Mikronesien. Die im Südwesten der Inselgruppe gelegene Insel Yap ist lediglich 18 km lang und maximal 3 km breit, hat aber trotz ihrer geringen Größe einen internationalen Flughafen, denn das Gebiet liegt etwa 1.300 km von Neuguinea und 870 km von Guam entfernt. Yap gilt als Geheimtipp für Taucher, denn die dortige Lagune dient wegen ihrer geschützten Lage zahlreichen Fischen und Meeressäugern als Futter- und Paarungsplatz und ist somit eine riesige Schatzkammer des Artenreichtums.

Fläche: 56,15 km² / 18 km lang und maximal 3 km breit

Einwohner: 6.300 auf der Insel Yap

Zeitdifferenz zur MEZ: 11 Stunden

Flugzeit: 25 Stunden von Wien über Tokyo und Guam

 

Immer top informiert!

Unser OMNi-BiOTiC® Blog

Lesen Sie spannende Artikel rund um den Darm und seine mikroskopisch kleinen Bewohner und holen Sie sich Tipps für Ihre Darmgesundheit!

Beschwerden & Ratgeber, Institut AllergoSan, Reisetipps

Kurhaus Marienkron – Ihr Partner für Darm & Gesundheit

Reisetipps

Was der Darm im Sommer braucht

Reisetipps

Checkliste für die Reiseapotheke

Reisetipps

Urlaubslust statt Reisefrust

Reisetipps

Reisebericht: Namibia

Reisetipps

Reisebericht: Jakobsweg Schweiz

Reisetipps

Reisebericht: Alaska

Reisetipps

Reisebericht: Zambia

Mehr anzeigen