11. Mrz 2019

Reisebericht: Namibia

Waren Sie schon einmal in der Wüste? Und ich meine damit nicht die, die man in Tunesien direkt hinter dem Strand findet, sondern jene, die sich endlos weit erstreckt, so weit das Auge reicht und noch darüber hinaus. Auf die eine gleißende Sonne ihr erbarmungsloses Licht ausgießt und in welcher der Wind das einzige hörbare Geräusch ist – in vielen Augenblicken ist nicht einmal dieses sanfte Wehen zu hören, sondern es herrscht echte Stille – eine Stille, die uns die Sprache nimmt, in der man kaum zu atmen wagt, weil man glaubt, einen Anflug dessen zu erleben, was Ewigkeit sein könnte.

Wenn Sie das kennen, dann waren Sie wahrscheinlich auch schon dort – in der Namib, der ältesten Wüste der Erde. Ich landete in dieser endlosen Einsamkeit mit einem kleinen Flugzeug, aus Windhoek kommend. Niemand außer mir war in dieser winzigen Maschine gewesen, und als der Pilot wieder startete, blickte ich ihm leicht erschrocken nach. Er war meine einzige Verbindung zur Zivilisation gewesen, denn der alte Mann, der jetzt reglos neben mir stand, nachdem er mir ernst die Hand geschüttelt hatte, und der jetzt dem Flugzeug nachblickte, bis dieses lautlos geworden und zu einem Punkt geschrumpft war, war mir noch nicht vertraut. Und die Stille, die sich nun über alles legte, war so ungewohnt, so erdrückend, dass ich selbst reglos blieb und den Drang verspürte, mir jetzt die Ohren zuhalten zu wollen, um dieses unglaubliche Nichts zu ertragen.

Die Stille, die sich nun über alles legte, war so ungewohnt, so erdrückend, dass ich den Drang verspürte, mir die Ohren zuhalten zu wollen.

reisebericht namibiaDoch dann lächelte der alte Mann und meinte in fehlerlosem Deutsch: „Ich bin Martin“. Diese Überraschung war gelungen, und ich dachte an das Buch, das ich über die deutsche Kolonie Südwestafrika gelesen hatte, in dem es hieß, dass noch immer viele deutsche Familien hier in Namibia lebten, schon seit 150 Jahren, und auch die Eingeborenen die deutsche Sprache und viele Gewohnheiten und Bräuche, vor allem die Liebe zu Bier und Eiswein, übernommen hätten. Martin startete den Jeep und los ging es durch endlose Sanddünen, vorbei an Bergen, die aussahen, als hätte man sie aus einzelnen Steinen hundert Meter hoch aufgeschichtet – ab und zu dazwischen ein vertrockneter Strauch. Dann glänzte plötzlich etwas Weißes zwischen den gelben, braunen und orangefarbenen sanften Wellen. Ich richtete mich im Wagen auf und versuchte zu eruieren, ob es denn das Wasser sein könnte, gab mir aber gleich selbst die Antwort: Es war getrocknetes Salz, das sich hier abgelagert hatte, als sich das Meer zurückgezogen hatte. Wir waren ja nur etwa 70 km vom Atlantischen Ozean entfernt – mit seinen gigantischen Wellen samt ihrer Gischt, die ich vom Flugzeug aus gesehen hatte. Die Namib ist eine Wüste direkt am kalten Ozean, der immer wieder Nebelschwaden weit ins Land hineintreibt und so auch dafür sorgt, dass hier durch diese tägliche Feuchtigkeit Pflanzen überleben können, dass immer wieder zwischen den Dünen einzelne zarte Blumen zu sehen sind, und dicke grüne Sukkulenten.

Plötzlich stoppte Martin den Jeep und fragte mich, ob ich mir gern ansehen würde, wie viele Tiere die Wüste bevölkerten. Ich blickte ihn skeptisch an, denn wer oder was sollte in dieser Einöde aus Sand, Salz und Steinen überleben? Aber schon war er aus dem Jeep gesprungen und deutete auf eine der Dünen, auf der tatsächlich Hunderte kleiner Striche zu sehen waren, Punkte und Striche, um genau zu sein. Zuerst schien es mir, als ob alles ruhig wäre, doch je mehr sich meine Augen an das gleißende Licht gewöhnten und je genauer ich hinblickte, desto mehr Leben schien sich hier plötzlich zu zeigen: Heuschrecken mit orangefarbenen Beinen waren zu sehen, winzig kleine Eidechsen liefen die Dünen hoch, verharrten einen Augenblick und waren auch schon wieder verschwunden. „Ich zeige dir jetzt etwas Besonderes“, rief mein Guide, machte einen Sprung vorwärts, vergrub die Hände im Sand und zog sie wieder hervor. Er streckte fünf Finger aus – und da sah ich es: Eine Eidechse von etwa 10 cm Länge hatte sich in seinen kleinen Finger verbissen wie ein Rottweiler und ließ nicht los. Einzig mit den spitzen Zähnchen hing sie an der Haut seines Daumens, der ganze restliche Körper baumelte frei in der Luft. Martin grinste und begann den Kiefer des Tieres sanft zu massieren, bis er dessen Widerstand überwunden hatte und die Eidechse wieder losließ.

reisebericht namibiaMein Guide wanderte nun los und ich folgte ihm durch die Wüste, die – aus der Nähe betrachtet – erstaunlich vielfältig aussah. Er erzählte mir, dass dieser Sommer nach sieben Jahren Trockenheit endlich wieder Regen gebracht hatte – sogar in der Namib-Wüste – und dass im Nordosten Namibias, im Damaraland, das weiße Gras fast einen Meter hoch steht. „Du musst dir das ansehen! Wenn der Wind darüberstreicht, dann erinnert es an Schnee, der alles bedeckt – und besonders schön ist es bei Sonnenuntergang, dann leuchtet dieses Gras wie die Schaumkronen des Ozeans.“ In mir kam Freude auf, denn ich wusste, dass ich dort nicht nur die Landschaft bewundern würde, sondern auch die weißen Nashörner, die sich friedlich mit ihrem Nachwuchs am jetzt ausreichend vorhandenen Grünzeug gütlich tun würden. Doch auch hier, in der Wüste, entdeckte ich nun interessante Pflanzen, eine von ihnen beeindruckte mich besonders, denn solche verwitterten Exemplare hatte ich noch nie gesehen: die Blätter mehr als einen Meter lang und in der Mitte eine Art Stamm mit Jahresringen, ganz nah am Boden. Aus diesem kurzen Stamm wuchsen tatsächlich Blütenstände in zarten Farben nach oben, über und über bedeckt mit weiß-roten Käfern. Martin erklärte mir, dass dies die namibische Nationalpflanze sei – „eine Welwitschia! – Und weißt du, von wem sie das erste Mal entdeckt und beschrieben wurde? Von einem Österreicher, nach ihm ist sie auch benannt!“ Ich musste lachen, denn so etwas hatte ich nicht erwartet. Und jetzt erinnerte ich mich auch wieder daran, dass ich von diesem Friedrich Welwitsch gelesen hatte und dass er das Gewächs als die interessanteste, aber auch als die hässlichste Pflanze beschrieben hatte. Ganz unrecht kann ich ihm dabei nicht einmal geben, und trotzdem gefällt mir der Name, den die Einheimischen ihr geben, viel besser. Sie sagen, es sei die „Pflanze, die nicht sterben kann“, denn tatsächlich kann sie mehrere Hundert oder sogar 1000 Jahre alt werden.

Auf dem nächsten Hügel deutete mein Guide auf einen dunkelbraunen Skorpion, der zwischen den Dünen umherlief. „Ist er sehr giftig?“, wollte ich wissen. „Na ja, meine Freundin Mamsy hat erst vor zwei Wochen Bekanntschaft mit so einem gemacht, als sie in Flip-Flops zum Abendessen ging und ein ziemlich großes Exemplar übersehen hat. Dieser Skorpion hat sie in den Fuß gestochen und sie musste einige Tage in der Klinik bleiben – mit furchtbaren Schmerzen. Aber es ist zum Glück nichts Schlimmeres passiert“, beruhigte er mich dann gleich. Ich war froh, als ich auf mein wüstentaugliches Paar Wanderschuhe hinunterblickte, und nahm mir vor, diese auch im Camp nicht gegen Sandalen zu tauschen.

Nur wenig später hielt Martin inne und zeigte auf einen verdorrten braunen Busch, der lediglich ein paar grüne Ästchen hatte. Leider konnte ich nichts erkennen – es war aussichtslos. Ich zuckte mit den Schultern und Martin holte aus seiner Umhängetasche eine runde Dose, schraubte sie auf – und ich ekelte mich sofort: Lauter Mehlwürmer wanden sich darin. „Die brauchen wir, damit du diesen Verwandlungskünstler in voller Aktion bewundern kannst“, meinte er. Und als wir uns vorsichtig näherten, erkannte ich tatsächlich etwas, das ein klein wenig brauner war als der Busch, dort saß ein Chamäleon – etwa 30 cm lang – in der prallen Sonne ganz oben im Busch und wartete auf ein Insekt. Als Martin ihm den Mehlwurm präsentierte, passierte erst einmal gar nichts. Doch nach etwa zwei Minuten reglosen Verharrens schoss wie ein Pfeil die Zunge aus dem Maul des Tieres und schon war der Mehlwurm weg. Unglaublich, diese Geschwindigkeit, fast nicht zu sehen!

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„Du hast recht, das ist ein Kennzeichen von vielen Tieren hier in der Namib – ihre Schnelligkeit, wenn sie ein Opfer erspäht haben, deshalb solltest du jetzt auch nicht weiter nach links gehen, falls du nicht unbedingt einen Krankenhausaufenthalt riskieren möchtest.“ Ich erstarrte und wandte ganz vorsichtig meinen Kopf nach links. Ein kleiner Hügel war da, nicht viel höher als mein Knöchel, eine Pflanze und ein dürrer Ast darauf. Was sollte hier das Problem sein? „Schau genau hin! Und beweg dich nicht!“ Ungerührt nahm mein Guide seinen weichen Schlapphut vom Kopf, hielt ihn einen Augenblick lang in der rechten Hand – und mit einer blitzschnellen Drehung stürzte er sich sodann auf den Hügel, riss Sand und irgendetwas Hellgraues in die Höhe und lachte dann voll Stolz. Sein faltiges Gesicht schien plötzlich jung und spitzbübisch, die Augen funkelten – und ich wusste noch immer nicht, warum er sich so freute. Doch gleich darauf konnte ich es sehen, denn Martin warf nun seinen Hut auf den Boden und aus ihm heraus glitt eine etwa 60 cm lange Schlange, die sich in Seitwärtsbewegungen unglaublich rasch über den Sand von uns wegbewegte. Ich war geschockt, denn ich hatte das Tier nicht gesehen. „Kannst Du auch nicht“, meinte Martin, „das ist eine Puffotter – und sie hatte sich bis auf die Augen und das Horn in den Sand eingegraben. So wartet sie auf ihre Opfer – manchmal viele Tage lang. Und wenn du nicht auf sie trittst, tut sie dir auch nichts. Aber wenn sie dich gebissen hätte, dann hättest du deine Heimat vermutlich nicht wiedergesehen! Hierfür haben wir kein Gegengift“, fügte er mit einem Achselzucken hinzu.

Schweigsam fuhren wir jetzt ins Camp, wo ich froh war, nach dem Abendessen das mir zugewiesene kleine Häuschen aufsuchen zu können. „Brauche ich ein Moskitonetz?“ war meine letzte Frage gewesen und Mamsy, die mich mit einer Taschenlampe bis zur Tür begleitet hatte, wehrte lachend ab. „Nein, hier bei uns ganz sicher nicht. Aber Du wirst eine wunderschöne Überraschung erleben. Heute ist Vollmond. Schau Dir an, was auf dem Dach auf Dich wartet!“ Ich öffnete die Tür zur Veranda und sah, dass dort Kerzen in Behältern standen bis hinauf auf das niedrige Dach. Neugierig folgte ich der Spur aus Lichtern und blieb dann gerührt stehen: auf dem Dach war ein schönes, kuscheliges Bett gerichtet worden, um mir einen Ausgleich zu dem Schrecken zu schaffen, den mir die Puffotter eingejagt hatte. Und als ich den Blick nach oben zum Firmament richtete, war ein unglaubliches Lichtermeer zum Greifen nahe: das Kreuz des Südens und die Milchstraße mit ihren Abermillionen an Sternen zogen mich in ihren Bann und am Horizont begann soeben der Vollmond aufzugehen.

Die halbe Nacht hatte ich auf den Mond und den Sternenhimmel der südlichen Hemisphäre geblickt, hatte die Stille genossen, warm in Decken eingehüllt in der nun rasch abkühlenden Nachtluft. Doch schon bei der ersten Morgenröte, noch bevor die Sonne mit ihren Strahlen die Dünen in ein Farbenmeer aus Rot, Gold und Orange tauchte, war ich schon wieder wach und freute mich nun auf weitere Entdeckungen, die hier in Namibia auf mich warten würden.


Namibia

Ireisebericht namibiam südlichen Afrika gelegen, ist Namibia möglicherweise Teil des einzigen Vierländerecks der Erde. Am Zusammenfluss der Ströme Cuando und Sambesi treffen die Ländergrenzen von Botswana, Namibia und Sambia aufeinander. Der kurze Grenzverlauf mit Simbabwe wird unter Geographen allerdings kontrovers diskutiert. Unumstritten ist hingegen das weitestgehend heiße und trockene Klima des Landes. Nicht umsonst leitet sich der Name von jenem der Wüste Namib ab, die direkt an der Küste des Atlantiks liegt. Dort liegen die durchschnittlichen Temperaturen während der Sommermonate – Dezember und Januar – deutlich über 30°C. Selbst im Winter reichen die Höchsttemperaturen bis zu 25°C, wenngleich es nachts bis zum Gefrierpunkt abkühlen kann. So sind Schwankungen von mehr als 20°C binnen weniger Stunden möglich. Das fordernde Klima ist für manch einen Fotografen allerdings kein Hindernis, gilt die Namib doch weltweit als eine der geeignetsten Regionen für astronomische Beobachtungen. Sogenannte Astrocamps laden ihre Besucher zum Ablichten beeindruckender Sternenhimmel ein. Abgesehen von den Hafenstädten ist die Wüste so gut wie gar nicht besiedelt. Die Bevölkerung des Landes teilt sich stattdessen größtenteils auf einige wenige Städte im Norden auf. Wer zwischen April und Oktober in den Süden Afrikas reist, braucht die Uhren übrigens nicht zu verstellen. Im Vorjahr wurde die Zeitumstellung abgeschafft, weshalb Namibia das ganze Jahr über unserer Sommerzeit folgt.

Fläche: 824.116 km²

Einwohner: 2.324.388 (Stand: 2016 geschätzt)

Zeitdifferenz zur MEZ: aktuell keine, im Winter +1

Flugzeit: von Wien via Frankfurt ca. 16 Stunden (inklusive Umsteigezeit von ca. 3 Stunden)

 

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