13. Mai 2020

Heidrun Valencak-Hösel

Divertikel: (K)eine Frage des Alters, sondern des Mikrobioms?

Mit steigendem Lebensalter erfahren immer mehr Menschen, dass ihr Dickdarm sogenannte Divertikel ausgebildet hat: Während von den unter 50-Jährigen nur ca. 10% betroffen sind, weist von den über 80-Jährigen jeder Zweite Divertikel im Darm auf. Mag. Anita Frauwallner diskutiert mit Prof. Dr. med. Wolfgang Kruis die Ursachen der Entstehung von Divertikeln und welche Rolle der gezielte und zeitgerechte Einsatz von Probiotika spielen könnte.

Mag. Anita Frauwallner: Viele Personen erhalten im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung die Diagnose „Divertikel“ – doch nur die wenigsten wissen über die Rolle jener Ausstülpungen im Darm und ihren Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden Bescheid. Eines Ihrer wichtigsten Forschungsgebiete sind genau diese Divertikel: Können Sie unseren Lesern erklären, was man sich genau darunter vorstellen kann?

Prof. Dr. med. Wolfgang Kruis: Lassen Sie uns für die Beschreibung eines Divertikels in die Anatomie des Dickdarms eintauchen: Der Darm ist durch Bindegewebe (Mesenterium) mit der Umgebung verbunden. Dieses dient untere anderem dazu, dass verschiedene Zu- und Ableitungen (Arterien, Venen, Lymphgefäße) und Nervenbahnen an und in das Darmrohr gelangen (z. B. um Nährstoffe aus der Nahrung im gesamten Organismus zu verteilen oder die Darmmotilität zu steuern). Einen wichtigen Teil der Darmwand machen Ring- und Längsmuskeln aus, die den Darminhalt durchmischen und den Nahrungsbrei durch den gesamten Darm befördern. Zwischen den einzelnen Muskeln befinden sich kleine Lücken, durch welche die oben genannten Zu- und Ableitungen in den Darm geführt werden. Die innerste Schicht, die das Darmrohr vollständig wie eine Tapete auskleidet, ist die Darmschleimhaut. Wenn es im Inneren des Darms zu hohem Druck kommt, dann wird die Schleimhaut durch diese Lücken in Muskeln und Bindegewebe nach außen gepresst und es entstehen Ausstülpungen – und diese bezeichnet man als Divertikel.

Für die Entwicklung von Divertikeln und einer Divertikelkrankheit kann es mehrere Ursachen geben, viele davon treten gehäuft im Alter und in Zusammenhang mit der Darmflora auf.

Im Darmlumen, also in jenem Hohlraum, den das Darmrohr umgibt, können sich nicht nur Verdauungsbrei und Stuhl befinden, sondern hier sind auch Billionen Darmbakterien – früher als Darmflora, heute als Mikrobiom bezeichnet – angesiedelt. Wenn nun die Darmschleimhaut nach außen gedrückt wird, dann befindet sich in dieser Ausstülpung folglich auch alles, was gerade im Darmlumen zu finden ist. Solange die Divertikel geschlossen sind, hat das keine großen Auswirkungen. Kommt es jedoch zu Verletzungen dieser Säckchen oder ist die Darmbarriere durchlässig, wandert ihr Inhalt in den Bauchraum – und das ist problematisch: Denn der Bauchraum ist absolut steril, und wenn dieser kontaminiert wird – dabei macht es keinen Unterschied, ob das durch nützliche Darmbakterien, Stuhl oder krankheitserregende Mikroben geschieht –, kommt es zu einer Entzündung um das Divertikel herum, zur sogenannten Divertikulitis (Anm.: die Endung „-itis“ bezeichnet immer einen entzündlichen Prozess).

Welchen Einfluss hat ein Leaky Gut auf Divertikel?

Mag. Anita Frauwallner: Das heißt also: Solange die Divertikel dicht verschlossen sind, stellen sie kein Problem dar – kritisch wird es nur, wenn Darmbakterien z. B. durch einen „Leaky Gut“ in den Frau Mag. Frauwallner und Herr Prof. Dr. med. Wolfgang KurisBauchraum wandern oder Ausstülpungen platzen, den Bauchraum verunreinigen und infolgedessen Entzündungen entstehen. Wie häufig kommt es zu Divertikeln und gehen mit der Divertikelbildung automatisch diese gefährlichen Entzündungen einher?

Prof. Dr. med. Wolfgang Kruis: Divertikel findet man am häufigsten in Ländern mit hohem Lebensstandard. Je nach Altersgruppe sind bei bis zu 50% der Menschen Divertikel im Dickdarm detektierbar – und das ist eine enorme Inzidenz! Mit fortschreitendem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Divertikulose zu – aber auch junge Menschen können Divertikel entwickeln und damit Probleme bekommen. Es ist allerdings wichtig, zu verstehen, dass nicht jedes Divertikel automatisch ein Problem bedeutet, und dafür ist es auch erforderlich, einige wesentliche Begriffe voneinander abzugrenzen: Die Divertikulose bezeichnet das reine Vorhandensein von Divertikeln, ohne dass der Patient Beschwerden hat oder Entzündungszeichen sichtbar sind. Von allen Personen, bei denen Divertikel festgestellt wurden, haben 80% „nur“ eine Divertikulose und somit keinen Ärger im Bauchraum. Bei der Divertikulitis hingegen, ganz egal welcher Schweregrad vorliegt, ist eine Behandlung unbedingt notwendig, um ein Ausbreiten der Entzündungen schnellstmöglich einzudämmen.

Mag. Anita Frauwallner: Sie haben wesentlich bei einer der größten internationalen Studien mitgewirkt, in welcher Gen-Marker von Personen mit Divertikulose, also mit Divertikeln ohne weitere Symptome, untersucht wurden. Welche Ergebnisse konnten hier erzielt werden? Gibt es weitere Faktoren, welche die Entstehung von Divertikeln beeinflussen? Und welche Rolle spielt die Darmflora dabei?

Prof. Dr. med. Wolfgang Kruis: Bei der angesprochenen Studie wurden in Europa über 50.000 Proben von Personen mit Divertikulose analysiert – und die Ergebnisse sind für ein besseres Verständnis der Entstehung von Divertikeln äußerst interessant. Für viele Krankheiten kennt man bereits bestimmte genetische Signaturen, das bedeutet, dass jene Personen, die spezielle Gen-Ausprägungen aufweisen, ein höheres Risiko haben, ein bestimmtes Krankheitsbild zu entwickeln (das bloße Vorhandensein dieser genetischen Veränderungen führt jedoch nicht automatisch zum Ausbruch der Krankheit). Für Personen mit Divertikulose wurden im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit rund 40 Gen-Ausprägungen eindeutig identifiziert: Diese ähneln aber weder den Markern von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen noch jenen des Reizdarm-Syndroms – dafür gleichen sie zum Großteil den genetischen Signaturen, die bei Bindegewebsschwächen und bei Erkrankungen des enterischen Nervensystems auftreten: Ein schwaches Bindegewebe begünstigt also, dass die Darmschleimhaut durch Druck leichter ausgestülpt wird.

Für die Entwicklung von Divertikeln und einer Divertikelkrankheit kann es mehrere Ursachen geben, viele davon treten gehäuft im Alter und in Zusammenhang mit der Darmflora auf: Es hat sich klar gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Divertikelkrankheit mit dem Essverhalten zusammenhängt. Und hier besteht die erste Verbindung zum Mikrobiom: Denn unsere Nahrung beeinflusst ganz zentral die Zusammensetzung und Gesundheit der Darmflora. Einen ganz grundlegenden Einfluss haben sogenannte Motilitätsstörungen im Verdauungstrakt. Das bedeutet, dass die Muskelschichten des Darms nicht mehr normal, sondern verstärkt arbeiten. Bei Patienten mit Divertikelkrankheit sind die Muskeln des Darms aufgrund dieser Störungen verdickt, das Darmrohr wird eingeengt und der Darminhalt kann nicht mehr einfach weiterbewegt werden. Dadurch erhöht sich der Druck im Darm, denn der Körper versucht, den Darminhalt mit verstärkter Kraft durch das verengte Darmrohr zu pressen. Dieser erhöhte Druck lässt sich in Untersuchungen eindeutig messen: Bei Patienten mit Divertikelkrankheit ist die Motilität im Vergleich zu gesunden Personen deutlich verstärkt.

Der „löchrige Darm“ (Leaky Gut), bei dem wichtige Verbindungsproteine zwischen den Zellen der Darmschleimhaut aufgelöst werden, fördert die Entwicklung einer Divertikulitis.

Neben der gestörten Motilität gibt es noch weitere Faktoren, die alle einen gewissen Zusammenhang mit dem Mikrobiom aufweisen: Ein erhöhtes Risiko eine Divertikelkrankheit zu entwickeln, weisen insbesondere Personen mit Übergewicht auf – und dieses steht wiederum in enger Verbindung mit einer veränderten Darmflora. Auch die sogenannte „low grade inflammation“, also eine kaum wahrnehmbare und dennoch vorhandene Entzündung – vergleichbar mit einem Schwelbrand im Körper –, sowie eine gestörte Funktion der Darmbarriere sind ganz zentral mit einem gestörten Mikrobiom assoziiert. Der „löchrige Darm“ (Leaky Gut), bei dem wichtige Verbindungsproteine zwischen den Zellen der Darmschleimhaut aufgelöst werden, fördert ebenfalls die Entwicklung einer Divertikulitis: Denn genau durch diese undichte Darmbarriere wandern die Bakterien, die sich im Divertikel befinden, in den Bauchraum und lösen dort Entzündungen aus.

Können Probiotika in der Therapie von Divertikelkrankheiten eine Rolle spielen?

Mag. Anita Frauwallner: Ein gestörtes Mikrobiom kann also in mehrfacher Hinsicht zur Entwicklung einer Divertikulitis beitragen. Für mich bedeutet das umgekehrt, dass eine positive Beeinflussung der Darmflora mit Probiotika einen wichtigen neuen Ansatz in der Therapie bedeuten kann! Wie gut ist hier die Studienlage und wo sehen Sie als führender Experte mögliche Ansatzpunkte der probiotischen Therapie?

Prof. Dr. med. Wolfgang Kruis: Es gibt erste Daten zum Thema Mikrobiom und Divertikelkrankheit, welche richtungsweisende Ergebnisse liefern: Man weiß, dass Personen mit Divertikulose und Divertikulitis im Vergleich zu Gesunden eine veränderte Darmflora aufweisen. Auch unterschiedliche Beschwerdebilder bei Divertikulitis, z. B. starke Blähungen, sind mit einer besonderen mikrobiotischen Signatur verbunden: Wenn also eine bestimmte Veränderung der Darmflora vorhanden ist, zieht diese gleichermaßen bestimmte Symptome nach sich. Umgekehrt birgt das die Möglichkeit, mit einer gezielten Veränderung des Mikrobioms auch Beschwerden zu reduzieren. Für eine Standardempfehlung zu einer Therapie der Divertikelkrankheit mit Probiotika ist die Studienlage noch nicht ausreichend, wobei mehrere erste klinische Untersuchungen bereits zeigen, dass z. B. die Kombination von Mesalazin (Anm.: ein entzündungshemmender Wirkstoff) mit probiotischen Bakterien bessere Ergebnisse erzielt als das Arzneimittel allein. Dies zeigte sich sowohl in Phasen akuter Beschwerden als auch bei Patienten ohne zu jenem Zeitpunkt spürbare Schmerzen – bei den besagten Personen kam es durch die Kombination aus Entzündungshemmer und Probiotikum deutlich seltener zu einem erneuten Auftreten von Symptomen der Divertikelkrankheit als in den Vergleichsgruppen mit Mesalazin oder Placebo.

Probiotika können zukünftig in der Therapie von Patienten mit Divertikelkrankheit eine Rolle spielen. Dafür sind noch weitere Forschungen notwendig, jedoch wären meiner Ansicht nach zwei Therapiebereiche besonders erfolgversprechend: die Verbesserung von Symptomen bei unkomplizierten Ausprägungen der Divertikelkrankheit und insbesondere die Vorbeugung des erneuten Auftretens von Entzündungen im Rahmen der Divertikelkrankheit. Hier könnten die durch Probiotika erzielbare Entzündungsreduktion und die Verbesserung der Darmbarriere einen wichtigen Beitrag zum Wohlbefinden der Patienten leisten.

Mag. Anita Frauwallner: Vielen Dank für diese interessanten Einblicke – wir sind gespannt auf neue Forschungsergebnisse und freuen uns, hierfür unseren Beitrag zu leisten!

Personen-Prof. Dr. med. Wolfgang KruisKurzbeschreibung:

Prof. Dr. med. Wolfgang Kruis war lange Zeit Chefarzt an der Abteilung für Innere Medizin des Evangelischen Krankenhauses Kalk (Köln) und beschäftigt sich intensiv mit der Forschung zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und der Divertikelkrankheit. Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Probiotische Medizin (DePROM) bildet insbesondere die wissenschaftliche Erforschung des menschlichen Mikrobioms und seines Einflusses auf die Entstehung und Therapie von Krankheiten einen zentralen Teil seiner Arbeit.

 

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