Darmbakterien im Porträt

Mag. pharm. Eva Owesny und Emanuel Munkhambwa

Lesen Sie alles über "gute" und "schlechte" Darmbakterien nach!

Dr. Jessica Younes (PhD)
Dr. Jessica Younes (PhD),
Probiotika-Forscherin in Amsterdam

Durch falsche Ernährung, verschiedene Medikamente, aber auch Stress kann das harmonische Zusammenspiel der Bakterien im Darm aus dem Gleichgewicht geraten. Und genau diese Veränderungen führen dazu, dass sich „schlechte“ Bakterien ausbreiten können und die „guten“ und „nützlichen“ Bakterien verdrängt werden. Aber welche Bakterien sind für den Körper förderlich und welche können zu Krankheiten führen? 

 

Die „Guten“ und die „Schlechten“

Dr. Jessica Younes (PhD), Probiotika-Forscherin in Amsterdam, meint Folgendes: Je mehr wir über die „guten“ Bakterien wissen und lernen würden, umso besser könnten wir auch Strategien zur Verbesserung der Gesundheit entwickeln. „Diese ‚guten’ Darmbewohner helfen bei der Verdauung, produzieren Vitamine und sogar Hormone“, erklärt Dr. Younes. So sind beispielsweise Bakterien der Gattung Bacteroides vom Stamm der Bacteroidetes in der Biosynthese des Vitamins Biotin besonders effektiv. Biotin ist unter anderem für den Energiestoffwechsel, das Nervensystem, die Psyche sowie für Haut, Haare und Schleimhäute wichtig. Die Gattung Prevotella, ebenfalls vom Stamm der Bacteroidetes, produziert wiederum viel Vitamin B1 (Thiamin), das für den Energiestoffwechsel, das Nervensystem und die Psyche sowie für die Herzfunktion essentiell ist. Aber was macht manche Bakterien „schlecht“? „Bis heute sind sich Wissenschaftler noch nicht im Klaren darüber, warum manche Bakterien derselben Gattung (z. B. E. coli) Probleme im Darm machen und manche davon nicht. Wenn das Gleichgewicht der Bakterienflora gestört ist, können sich ‚schlechte’ Bakterien und krankmachende Keime stark vermehren, sie verdrängen somit die ‚gesundheitsfördernden, guten’ Bakterien. Die Folgen sind dann Probleme mit der Verdauung und der Aufnahme von Nährstoffen“, schildert Dr. Younes. Wenn die ganze Vielfalt an Darmbakterien unter die Lupe genommen wird, dann erkennt man, dass der Großteil der kleinen Mitbewohner für die Verdauung und Gesundheit sehr nützlich ist. Einige wenige Bakterien verhalten sich unauffällig, haben keine besonderen Aufgaben und leben in friedlicher Koexistenz. 

Je mehr wir über die „guten“ Bakterien wissen und lernen, umso besser können wir auch Strategien zur Verbesserung der Gesundheit entwickeln.

Doch eine dritte Gruppe von Bakterien kann unter ganz bestimmten Bedingungen Probleme verursachen, da sie die Darmschleimhaut „infizieren“ und dann unter anderem Durchfallerkrankungen auslösen kann. Die „Infektion“ erfolgt entweder durch fremde Keime von außen oder durch Bakterien, die normalerweise ganz friedlich im Darm leben und nur dann Probleme bereiten, wenn das Gleichgewicht im Darm gestört ist, zum Beispiel nach einer Antibiotika- Therapie. Das Bakterium Clostridium difficile (C. difficile) erreicht normalerweise keine großen Konzentrationen im Darm und ist unbedenklich. Vor allem aber wird es von den anderen „guten“ Bakterien in Schach gehalten. Nach einer Behandlung mit Antibiotika sind die Bakterien, die C. difficile kontrollieren, selbst dezimiert, und der „schlechte“ Keim kann sich nach dem Absetzen des Antibiotikums besonders schnell vermehren und massiven Schaden im Darm anrichten, denn C. difficile produziert unterschiedliche Giftstoffe.

Clostridium difficile verursacht 15-20% der antibiotika-assoziierten Durchfälle und ist in mehr als 95% der Fälle für die Entstehung der pseudomembranösen Colitis verantwortlich. Bei etwas einer von 100 Personen, die mit Antibiotika behandelt wurden, muss mit einer Infektion mit C. difficile gerechnet werden.

Das sogenannte Toxin A verursacht Entzündungen im Darm und führt zu vermehrter Flüssigkeitsabgabe in den Darm (= flüssiger Stuhl bzw. Durchfall). Weitaus gefährlicher ist jedoch das Toxin B, denn es zerstört die Zellen der Darmschleimhaut in großem Ausmaß. Vielfach bleibt es bei einer Infektion mit C. difficile nicht nur bei Durchfällen, häufig entwickelt sich auch eine Entzündung des Dickdarms, eine sogenannte pseudomembranöse Colitis. Trotz sorgfältiger Hygiene lassen sich Infektionen mit C. difficile nicht vermeiden, denn dieser Keim vermehrt sich durch Sporenbildung – und diese Sporen sind gegen Desinfektionsmittel, Hitze, Säure und Alkohol resistent. Gerade deswegen ist es während und nach einer Antibiotika-Therapie enorm wichtig, den Darm mit speziell entwickelten Probiotika zu unterstützen, die den durch Antibiotika ausgelösten Durchfall in den Griff bekommen und vor allem gegen den Auslöser der Durchfälle, das Bakterium C. difficile mit seinen Giftstoffen, wirksam sind. Probiotika auf dem Vormarsch Die Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass es enorm wichtig ist, die Darmmikrobiota in einem optimalen Zustand zu halten. Nämlich so, dass die „guten“ Bakterien auch stark genug sind, um die schlechten Keime zu bekämpfen und zu verdrängen. Die im Dickdarm heimischen Bakterien produzieren aus den mit der Nahrung aufgenommenen Kohlenhydraten kurzkettige Fettsäuren, bspw. Milch-, Essig- und Buttersäure. Diese dienen als wichtige Energiequelle für die Darmschleimhautzellen, reduzieren Entzündungen und fördern zusätzlich die Darmperistaltik bzw. die Verdauung. Die Idee, die Darmflora „von außen“, also über die Nahrung, positiv zu beeinflussen, entstand bereits Anfang des letzten Jahrhunderts. 

Optimal vermehren sich die „guten“ Keime im Darm, wenn ihnen speziell für sie geeignete Nahrung angeboten wird, dies ist die Aufgabe der Präbiotika.

Der russische Forscher Ilja Iljitsch Metschnikoff (1845-1916) führte das hohe Alter der bulgarischen Bevölkerung auf ihre Ernährungsgewohnheiten zurück. Denn ihr Speiseplan enthielt unter anderem viel Joghurt und andere angesäuerte oder vergorene Speisen. Schon damals hat man vermutet, dass der regelmäßige Verzehr von milchsäurebildenden Bakterien (Bulgarischer Bazillus) einen positiven Effekt auf die Gesundheit hat. 1908 erhielt Ilja Iljitsch Metschnikoff für seine Arbeit auf dem Gebiet der Immunität den Nobelpreis für Medizin. Trotzdem war es bis zur Anerkennung der positiven Wirkung von probiotischen Lebensmitteln und vor allem von „gesundheitsförderlichen“ Darmbakterien in wissenschaftlichen Kreisen noch ein langer Weg. Lebende Bakterien, die in milchsauren Produkten wie Joghurt, Buttermilch oder Sauerkraut vorkommen, werden als „probiotisch“ bezeichnet. Denn es handelt sich dabei um lebende Bakterienkulturen, im Wesentlichen um Laktobazillen und Bifidobakterien, die den Nahrungsmitteln beigefügt werden, um diese zu fermentieren und sodann gesundheitsfördernd zu wirken. Dr. Younes betont, dass jedes probiotische Bakterium ganz spezielle Fähigkeiten besitze: „Manche produzieren besonders viel Milchsäure oder viele Vitamine im Darm, andere wiederum hemmen besonders gut die Überwucherung mit schlechten Bakterien und wiederum andere bringen das Immunsystem in Schwung. Die Milchsäure reguliert unter anderem die Stuhltätigkeit und verändert den pH-Wert im Darm, sodass sich krankmachende Keime nicht mehr gut vermehren können; folglich können Probiotika sowohl bei Durchfall als auch bei Verstopfung eingesetzt werden.“ Voraussetzung für eine gute Wirkung ist jedoch, dass probiotische Bakterien lebend und in ausreichender Zahl in den Darm gelangen. Es empfiehlt sich daher die Einnahme standardisierter, wissenschaftlich geprüfter Bakterienpräparate (erhältlich in der Apotheke), die spezielle robuste Bakterienstämme enthalten, welche in der Lage sind, den Angriff der Verdauungssäfte des Magen-Darm-Traktes zu überstehen, und die auch die Fähigkeit haben, sich im Darm anzusiedeln. 

Lactobazillen erzeugen in unserem Darm und auch im weiblichen Vaginalbereich ein saures Milieu, und zwar durch Vergärung von Kohlenhydraten zu Milchsäure. Dadurch wird das Wachstum von krankmachenden Keimen unterdrückt.

Bakterien brauchen die „richtige“ Nahrung

Optimal vermehren sich die „guten“ Keime im Darm, wenn ihnen speziell für sie geeignete Nahrung angeboten wird, dies ist die Aufgabe der Präbiotika. Sie sorgen dafür, dass die kleinen Mitbewohner sich vermehren, sich wohlfühlen und somit die Verdauung optimal regulieren können. Präbiotika fördern nämlich ganz gezielt das Wachstum „guter“ Darmbakterien. Die Zufuhr vieler ballaststoffreicher Lebensmittel mit einem natürlichen Gehalt an Präbiotika bringt den Darm in Schwung. Präbiotika kommen vor allem in Zwiebelgewächsen, Schwarzwurzeln, Artischocken, Spargel, Zichorie, Roggen, Weizen, Hafer, Bananen und Äpfeln vor. Weitere wichtige Vertreter sind resistente Stärke, Galacto- und Fructooligosaccharide, welche im Darm von den Bakterien zu kurzkettigen Fettsäuren abgebaut werden. Diese kurzkettigen Fettsäuren spielen übrigens sogar in ganz anderen Teilen unseres Körpers eine wichtige Rolle: Butyrat ist nämlich nicht nur als Energiespender für unsere Darmbarriere wesentlich, sondern auch ein essentieller „Nährstoff“ für die sogenannten Mikroglia-Zellen. Sie sind die Immunzellen unseres Gehirns, die gewissermaßen auch die „Müllabfuhr“ unseres Gehirns darstellen, welche Giftstoffe aus unserer Schaltzentrale entfernen kann. Funktioniert unser Darm, funktioniert auch unser Gehirn – im Denken ebenso wie in den Emotionen. 

Voraussetzung für eine gute Wirkung ist, dass probiotische Bakterien lebend und in ausreichender Zahl in den Darm gelangen.

Dr. Younes weist darauf hin, dass es Sinn mache, Probiotika und Präbiotika und/oder Ballaststoffe gleichzeitig zu nehmen, da sie sich gegenseitig ideal ergänzen: „Präbiotika sind eine optimale Nahrungsquelle für Darmbakterien und stimulieren das Wachstum der ‚guten’ Bakterien. Die Ballaststoffe werden von unserem Darm nicht verdaut, aber die Bakterien können diese selbst verstoffwechseln und daraus auch andere Stoffe mit vielen positiven Eigenschaften produzieren, die für uns Menschen essentiell sind. Eines der besten Beispiele für eine perfekte Kombination von Pro- und Präbiotika ist die Muttermilch. Ein Kind, das gestillt wird, erhält mit der Muttermilch ‚gute’ Bakterien und Galactooligosaccharide, was zu einer optimalen Entwicklung des Babys führt.“ Unser Darm und ganz besonders die darin lebenden Darmbakterien sind ganz wesentlich für unsere Gesundheit – wenn der Darm aber in seiner Funktion beeinträchtigt ist, weil wir unsere Mitbewohner aus ihm vertrieben haben, dann ist er aber auch für die Entstehung vieler Krankheiten verantwortlich. Schon seit Jahrtausenden ist bekannt: „Der Darm ist für den Menschen das, was die Wurzel für den Baum ist“. Dessen sollten wir uns wieder bewusst werden und unsere Gesundheitszentrale so pflegen, dass sie uns den größtmöglichen Nutzen bringt. 


 

Nützliche Darmbakterien

(Auswahl)

LactobazillenBifidobakterien

Sie gehören zum Stamm der Firmicutes; der Begriff leitet sich vom lateinischen lactis (= Milch) ab. Mehr als 50 bekannte Arten produzieren Milchsäure im Darm und schaffen somit eine saure Umgebung, die als Schutz vor vielen schädlichen und krankmachenden Keimen dient – deshalb heißen sie auch Milchsäurebakterien. Die meisten Milchsäurebakterien produzieren darüber hinaus weitere Substanzen, etwa Wasserstoffperoxid, welche ebenfalls zur Abwehr von Pathogenen dienen. 

Diese gehören zum Stamm der Actinobacteria; ihre Bezeichnung ist auf das lateinische bifidus (= gespalten, gabelförmig) zurückzuführen. Sie schützen uns durch die Produktion von Milchsäure ebenfalls vor unerwünschten Eindringlingen, darüber hinaus produzieren sie lebensnotwendige Vitamine und Enzyme. Ganz besonders wichtig sind sie für die frühkindliche Entwicklung des Immunsystems: Bei gestillten Säuglingen besteht die natürliche Darmflora zu ca. 90% aus Bifidobakterien. 

 

Krankmachende Keime

(Auswahl)

Clostridium difficileStaphylokokken

Bakterienspezies der Firmicutes; vom griechischen kloster (= Spindel); vom lateinischen difficile (= schwierig). Besonders häufig ist C. difficile im Krankenhaus zu finden, etwa 20 bis 40% der Spitalspatienten sind mit diesem Keim besiedelt. Bei einer Überwucherung des Darms mit C. difficile kommt es häufig zu schweren Durchfällen bis hin zu massiven Entzündungen im Darm. 

Gattung der Firmicutes, vom altgriechischen staphyle – (= Traube) und kokkos (= Korn, Samen). Staphylokokken können die Ursache für unterschiedliche Arten von Infektionen sein und grundverschiedene Symptome auslösen. Neben Hautirritationen lösen sie häufig Lebensmittelvergiftungen mit Symptomen wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Magen-
krämpfen oder Durchfall aus. Im schlimmsten Fall können die Bakterien in den Blutkreislauf gelangen und dort überhandnehmen.

Dann spricht man von einer Blutvergiftung oder Sepsis. Bei einer akuten Entzündung der Nierenbecken treten vorrangig Flankenschmerz und Fieber auf, auch Übelkeit und Brechreiz können vorkommen. 

 

 

 

 

Stand der Information: Donnerstag, 17. Mai 2018

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