25. Jul 2019

Ernährung und Mikrobiom als Basis eines gesunden Lebens

Die Aufnahme von Lebensmitteln ist – wie der Name schon sagt – lebensnotwendig. Doch stellt sich die Frage, ob unsere „Western Diet“ mit industriell gefertigten und stark verarbeiteten Nahrungsmitteln uns tatsächlich guttut … Welcher Zusammenhang zwischen der Ernährung und dem Mikrobiom besteht, welche dramatischen Folgen eine Fehlernährung für unsere Gesundheit haben kann und was unseren Billionen Darmbakterien tatsächlich „schmeckt“, thematisiert Dr. Robert Barring im Interview mit Mag. Anita Frauwallner.

Gründer des Instituts für Funktionelle Medizin und Stressmedizin in Hannover

Dr. Robert Barring*

Mag. Anita Frauwallner: Zahlreiche Krankheiten, die offensichtlich mit einer Fehlernährung zusammenhängen, sind stark im Zunehmen begriffen und haben bereits epidemiologische Ausmaße erreicht. Zu ihnen gehören Fettleibigkeit, Leberfunktionsstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch Diabetes Typ 2 und psychische Störungen. Von all diesen Beschwerdebildern wissen wir aus der Forschung, dass die Betroffenen eine stark veränderte Darmbesiedelung aufweisen. Wie machen sich die Konsequenzen der Fehlernährung in der Praxis bemerkbar?

Dr. Robert Barring: Unser Körper sendet unterschiedliche Signale, wenn die Ernährung nicht stimmt. Allerdings werden sie oftmals nicht verstanden oder ignoriert. Ich bin überzeugt, dass viele Leser den einen oder anderen „Aufschrei“ selbst regelmäßig erleben: Fehlernährung zeigt sich beispielsweise nach den Mahlzeiten in Form von Zuckerhunger, also dem Verlangen nach etwas Süßem, weil man sich paradoxerweise nach dem Essen unterzuckert fühlt. Stichwort Blutzucker: Wenn die Ernährung nicht zu einem stabilen Blutzucker, sondern zu einer Imbalance führt (Anm.: Schnell verdauliche Kohlenhydrate wie Weißmehl oder Zucker lassen den Blutzucker rasch ansteigen und anschließend ebenso rasch wieder abfallen.), berichten meine Patienten vom „Light-headed-Gefühl“: Neben Benommenheit und Schwindel haben sie den Eindruck, als ob der Kopf schwerelos sei und man nahezu wegfliegen könne. Häufig wird auch von inadäquater und permanent auftretender Müdigkeit nach dem Essen berichtet.

In der Labordiagnostik zeigt sich die Fehlernährung im Darm und im Mikrobiom eindeutig, und zwar u. a. anhand der vermehrten Besiedelung mit Fäulniskeimen sowie anhand eines Leaky Gut, eines löchrigen Darms, den man z. B. an erhöhten Zonulinwerten erkennt und welcher aufgrund der erhöhten Durchlässigkeit für Allergene, Schadstoffe und Giftstoffe auch häufig eine verstärkte Reaktion des Immunsystems auslöst.
Dabei soll Ernährung nicht müde machen und keine übertriebenen Glücksgefühle oder das Verlangen nach weiterem Essen auslösen, sondern einfach nur satt und zufrieden – mehr nicht.

Mag. Anita Frauwallner: Wenn wir von Fehlernährung sprechen – wie können Sie diese für unsere Leser definieren? Beziehungsweise: Wie wirkt sie sich auf die Bakterienbesiedelung in unserem Darm aus und wie schnell geht das?

Dr. Robert Barring: Unsere klassische „Western Diet“, also die vorherrschende Ernährung in den westlichen Industriestaaten, tut uns nicht gut: Reichlich Fleisch, zu viel Zucker in Soft Drinks und Snacks, vorwiegend weißes Mehl und viel – zum Teil verstecktes – Fett von geringer Qualität stehen täglich auf dem Speiseplan. Natürliche Lebensmittel wie Gemüse, insbesondere ballaststoffreiche Sorten wie Hülsenfrüchte, Obst und Vollkornprodukte fehlen hingegen auf unseren Tellern, und das wirkt sich nicht nur auf das Mikrobiom aus, sondern auch auf den gesamten Stoffwechsel unserer Darmbakterien und des Darms.

Dieser chronische Mangel an Ballaststoffen führt dazu, dass sich wichtige Bakterien andere Nahrungsquellen suchen müssen. Akkermansia muciniphila beispielsweise, das ist eines jener nützlichen Darmbakterien, welches Butyrat produziert – dazu später noch mehr – und welches auch für die Darmbarriere, also unseren Schutz vor Toxinen und pathogenen Keimen, äußerst bedeutsam ist: Das besagte Bakterium regt nämlich sogenannte Becherzellen im Darm dazu an, vermehrt Schleim, in der Fachsprache Mucus genannt, zu produzieren, der sich als Schutzschicht über die Zellen der Darmwand legt. Wenn Akkermansia muciniphila jedoch zu wenige Ballaststoffe als Nahrung von außen zugeführt bekommt, beginnen die Bakterien, Bestandteile dieses wichtigen Mucus als Nährstoffquelle zu verwenden. Infolgedessen kommt es zu Erosionen an der Darmschleimhaut, also zu Gewebeschäden. Und das erleichtert Pathogenen wiederum den Eintritt in unseren Organismus.

Es ist eindeutig belegt, dass die wichtige Vielfalt von unterschiedlichen Bakterienarten im Darm in industrialisierten Staaten massiv reduziert ist.

Das heißt also, dass wir mit unserer „modernen“ Ernährung nicht unsere Gesundheit fördern, sondern Krankheiten begünstigen. Ein erschreckendes Beispiel: Eine Studie aus Amerika hat untersucht, welche Auswirkungen ein für Kinder angepriesenes Menü einer Fast-Food-Kette auf das Mikrobiom und vor allem auf die Aktivierung von NF-κB hat, einem Transkriptionsfaktor, welcher entzündungsfördernde Stoffe freisetzt. Der besagte Faktor war 1,5 Stunden nach dem Verzehr eines einzigen „Kindermenüs“ deutlich erhöht, wodurch im kindlichen Körper Entzündungen mediiert wurden. Generell ist bei europäischen Kindern die essentielle kurzkettige Fettsäure Butyrat deutlich verringert und die Zusammensetzung der Darmflora ist deutlich verändert: Sie beherbergt vermehrt unerwünschte Fäulniskeime, Salmonellen, Shigellen oder Klebsiella und weist eine reduzierte Anzahl gesundheitsförderlicher Bakterienarten auf.

 

Mag. Anita Frauwallner: Sie stellen hiermit klar, dass eine dauerhaft für die Darmbakterien ungesunde Ernährung, wie sie in unseren Breiten vorherrscht, einen massiven Einfluss auf den gesamten Organismus hat: Die Gesamtheit der in uns lebenden Mikroben scheint stark reduziert und kann wichtige Stoffwechselprodukte wie Hormone und kurzkettige Fettsäuren nicht mehr ausreichend produzieren. Dadurch schwelen in vielen Menschen dauerhaft Entzündungsherde, deren Auswirkungen gravierend sein können.

Dr. Robert Barring: Ganz genau, vielen Menschen ist nicht bewusst, dass der Darm mehr als nur die Verdauung reguliert: Über die Darm-Hirn-Achse spielt das (fehlgeleitete) Mikrobiom auch bei den sogenannten „common mental disorders“, also bei häufigen psychischen Störungen wie Depressionen oder Angsterkrankungen, eine große Rolle. Bei diesen Erkrankungen ist der Haushalt der Hormone, die für das Wohlbefinden zuständig sind, gestört: Die Bilanz von Serotonin, Gamma-Aminobuttersäure (GABA), Noradrenalin, Adrenalin, Acetylcholin und Co hängt von unserem Mikrobiom ab – und seine Zusammensetzung hängt wiederum von der Ernährung ab. Wenn also die Ernährung nicht passt, stimmt der Hormonhaushalt ebenfalls nicht mehr. Es wäre somit wichtig, bei psychischen Erkrankungen immer auch das Mikrobiom zu beachten und z. B. mit Unterstützung von Probiotika zu verbessern und nicht ausschließlich mit Psychopharmaka zu arbeiten – insbesondere im Kindes- und Jugendalter.

Von essenzieller Bedeutung sind hierbei die kurzkettigen Fettsäuren, z. B. Butyrat, Acetat oder Propionat. Diese werden von den Darmbakterien produziert und dienen unter anderem der Darmwand als Energiequelle, damit sie ihre Schutzfunktion aufrechterhalten kann. Zwei besonders prominente Vertreter der Butyrat-Bildner sind das bereits erwähnte Bakterium Akkermansia muciniphila sowie Faecalibacterium prausnitzii. Zahlreiche Untersuchen belegen eine starke Korrelation zwischen einer Reduktion solcher Bakterienarten und dem Auftreten von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, dem Reizdarmsyndrom und sogar von Darmkrebs.

Auch außerhalb des Darms spielt Butyrat eine wichtige Rolle: Es dient dem Gehirn als Energiequelle, und hier insbesondere den sogenannten Mikroglia-Zellen (Anm.: spezielle Fresszellen/Makrophagen) – unserer „Aufräumtruppe“ im Gehirn, die Schadstoffe und Ablagerungen beseitigen kann. Deren Aktivität wird zentral von Butyrat bestimmt: Wenn also im Darm zu wenige Butyrat bildende Bakterien vorhanden sind, bleibt „Müll“ im Gehirn liegen – das ist insbesondere bezüglich psychischer Erkrankungen sowie im fortgeschrittenen Alter in Hinblick auf Demenzerkrankungen und Parkinson ein wichtiges Thema.

Mag. Anita Frauwallner: Ernährung sowie die Gesundheit unseres Darms und seiner mikroskopisch kleinen Bewohner sind untrennbar miteinander verbunden – doch unser Mikrobiom kann zum Glück auch positiv beeinflusst werden. Studien zeigen, dass ballaststoffreiche Kost gemeinsam mit der Einnahme von Pro- und Präbiotika den besten Nutzen hat, wenn es darum geht, das gesunde Gleichgewicht im Darm – und damit im gesamten Organismus wiederherzustellen.

Dr. Robert Barring: Es ist eindeutig belegt, dass die wichtige Diversität der Mikrobiota, also die Vielfalt von unterschiedlichen Bakterienarten, in industrialisierten Staaten massiv reduziert ist. Im Vergleich dazu weisen etwa traditionelle Kleinbauern oder Jäger-Sammler-Völker deutlich mehr Bakterienstämme im Darm auf. Der größte Unterschied liegt in der Ernährung und insbesondere im Ballaststoffanteil: Je mehr Faserstoffe, desto mehr gesunde Nährstoffe stehen den Darmbakterien zur Verfügung und umso besser ist das für die Entwicklung des Mikrobioms. Häufige Besiedelungsvarianten der Darmflora werden in sogenannte Enterotypen eingeteilt. Durch die Erhöhung des Rohkostanteils und damit der Ballast- und Faserstoffe kann auch der Enterotyp nachhaltig verändert werden.

Man kann die Ansiedelung von bestimmten Bakterien gezielt fördern. Viele Darmbakterien sind anaerob und vertragen keinen Sauerstoff, daher können sie nicht gezüchtet und eingenommen werden – jedoch ist es möglich, diese durch Präbiotika mit Ballaststoffen wie Fructooligosacchariden oder Akazienfasern als Nahrungsquelle zu vermehren. Spezielle Probiotika können gleichzeitig Entzündungen behandeln, Pathogene verdrängen oder ein überschießendes Immunsystem regulieren.

Wie wir uns ernähren, hat den größten Einfluss auf ein stabiles und gesundheitsförderndes Mikrobiom. Damit wir in der Praxis die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Darmbakterien, ihren Stoffwechselprodukten und unserer Gesundheit noch besser verstehen, sind weitere klinische Studien notwendig, um auch die letzten Zweifler verstummen zu lassen. Es müssen weitere valide Testverfahren entwickelt werden, die uns bei der wissenschaftlich fundierten Suche nach den Ursachen unterstützen, um unsere Patienten bestmöglich behandeln zu können.

Mag. Anita Frauwallner: Vielen Dank für den spannenden Einblick in Ihre Praxis und in die funktionelle Medizin – genau um dieses Ziel zu erreichen, nämlich das Wissen rund um den Darm für die Gesundheit aller Menschen zu vertiefen, ist uns die Forschung ein so großes Anliegen!

*Dr. Robert Barring ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Gründer sowie wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Funktionelle Medizin und Stressmedizin (IFMS) in Hannover. Die funktionelle Medizin sucht nach der Ursache einer Erkrankung und betrachtet dabei nicht nur einzelne akut auftretende Symptome, sondern bezieht insbesondere auch Ernährung, Stresslevel und Verhalten sowie Krankheiten und Medikamenteneinnahmen des gesamten Lebens in die Diagnostik und Behandlung ein.

 

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