Wir leben in einer Zeit, in der die Zahl der übergewichtigen Menschen rasant wächst. Dass unsere Gesellschaft ein gewichtiges Problem hat, ist für uns zum Normalzustand geworden – genauso wie die Warnrufe der Mediziner.
Man muss seinen Blick nicht erst auf den amerikanischen Kontinent richten, wo Fast Food und Softdrinks in XL-Größe an der Tagesordnung stehen: Die Zahlen sind auch hierzulande schon alarmierend. Mehr als 50 % der Menschen in Europa sind übergewichtig oder adipös – allen Gesundheitsinitiativen der letzten Jahrzehnte zum Trotz.
Besorgniserregend ist, dass es immer mehr Kinder betrifft: Etwa jedes fünfte Kind in Deutschland und Österreich ist übergewichtig oder adipös, leidet also an einer über das Normalmaß hinausgehenden Vermehrung des Körperfetts (mit einem BMI > 30) – besonders betroffen sind die unteren Einkommensschichten.
Problematisch sind insbesondere die Folge und Begleiterkrankungen eines Zuviels an Körperfett und der damit einhergehenden Stoffwechselveränderungen. So gelten übergewichtige Personen als besonders gefährdet, ein Metabolisches Syndrom zu entwickeln (auch „tödliches Quartett“ genannt): Dies ist gekennzeichnet durch das Auftreten von starkem Übergewicht mit zu viel Bauchfett, Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und erhöhten Blutzuckerwerten.
Kein Randproblem: In Deutschland, so schätzt man, sind immerhin 30 bis 35 % der Bevölkerung davon betroffen. Auch das Risiko weiterer Folgeerkrankungen ist stark erhöht: Etwa die Hälfte der am Metabolischen Syndrom Erkrankten bekommt in ihrem späteren Leben Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa drei Viertel von ihnen Typ-2-Diabetes.
Ursache von Diabetes, Adipositas & Co
Als Ursache für diese beunruhigenden Zivilisationskrankheiten gilt ein ungesunder Lebensstil: Wenig Bewegung im Alltag kombiniert mit der sogenannten Western Diet, also der westlichen, industriebasierten Ernährungsweise, die gekennzeichnet ist durch zu viel an Fertigprodukten und Fleisch, Fett, Zucker und Salz, und an die wir uns alle schon viel zu sehr gewöhnt haben. So sehr, dass es offenbar nicht gelingt, eine Trendumkehr zu bewirken?
Mikrobiom beeinflusst Stoffwechsel
Wer hat sich nicht schon bei dem Gedanken ertappt, Übergewichtigen Willensschwäche oder Bequemlichkeit zu unterstellen, da sie die vermeintlich erfolgversprechende Formel „weniger Kalorien = weniger Gewicht“ nicht umsetzen können. Und im Grunde ist das ja auch korrekt: Wer auf eine ausgeglichene Bilanz schaut, also nicht mehr Energie zuführt, als im körperlichen Grundumsatz verbraucht wird, bleibt schlank. Aber: „Adipositas ist ein komplexes Problem, nicht nur ein Bilanzproblem von Kalorienaufnahme und -verbrauch“, erklärt Prof. Vanessa Stadlbauer-Köllner, Gastroenterologin und Hepatologin an der Medizinischen Universität Graz.
Adipositas entsteht aus dem Zusammenspiel von genetischer Disposition, falscher Ernährung, Bewegungsmangel, Stress, Umweltbedingungen und psychischen Faktoren, so weit wurde die Ursachenkombination bereits entschlüsselt. An einer effektiven – und massentauglichen – Therapie ohne Nebenwirkungen wird weltweit jedoch noch geforscht. Und hier kommt dem Mikrobiom eine Schlüsselposition zu.
Stadlbauer-Köllner erforscht bereits seit Jahren die Wechselwirkungen zwischen Medikamenten, Krankheiten und dem Darm-Mikrobiom und erklärt den Zusammenhang: „Unsere Ernährungsweise mit zu viel Zucker und Fett verändert die Vielfalt und Zusammensetzung unserer Darmbakterien – was in Folge zu negativen Effekten auf den Zucker- und Fettstoffwechsel (und somit zu Gewichtszunahme) führt.“
Genauer gesagt sind es Endotoxine (bakterielle Giftstoffe) aus dem Darm, die durch eine geschädigte Darmbarriere in den Organismus gelangen, eine vermehrte Zytokinausschüttung und dadurch systemische Entzündungsreaktionen auslösen. Eine Negativ-Spirale, die bis hin zu Insulinresistenz und einer immer weiteren Gewichtszunahme führt.
Umgekehrt – und auch das ist durch Studien belegt – kann sich die Beschaffenheit des Mikrobioms durch Ernährungsumstellung und vermehrt Bewegung wieder verbessern.
Mehr Kalorien aus Fertigessen
Um die Komplexität der Zusammenhänge zu begreifen, muss man auch wissen, dass in Sachen Ernährung nicht nur die Anzahl an Kalorien relevant ist, sondern vor allem auch, wie diese verarbeitet sind. Bei einem Experiment wurde gesunden Teilnehmern über 14 Tage lang Essen mit den gleichen Anteilen an Zucker, Kohlenhydraten, Ballaststoffen, Fett und Salz verabreicht. Eine Gruppe erhielt die Nahrung in unverarbeiteter Form, die andere Gruppe in Form von Fertigessen – und in dieser nahmen die Teilnehmer pro Tag ca. 500 Kalorien mehr auf und legten über die 2 Wochen je 1 kg mehr an Gewicht zu. Das zeigt: Hochverarbeitete Nahrung führt zu einer vermehrten Kalorienaufnahme.
„Warum das so ist, wurde noch nicht erforscht. Vermutlich schätzt unser Körper diese hochgradig verarbeitete Nahrung falsch ein oder die Sättigung setzt später ein“, so Stadlbauer-Köllner.
Gewichtszunahme durch Mikrobiom
Auch ein ungünstig zusammengesetztes Mikrobiom kann Übergewicht verursachen, wie Forschungsergebnisse zeigen. „Das ist ein Hinweis, dass das Mikrobiom ursächlich für die Gewichtszunahme ist“, so Stadlbauer-Köllner. Gemeint ist eine Harvard-Studie, bei der das Darm-Mikrobiom von menschlichen Zwillingspaaren untersucht wurde – ein Zwilling war schlank, der andere übergewichtig. Die übergewichtigen Teilnehmer hatten eine deutlich verringerte Vielfalt und veränderte Zusammensetzung der Darmbakterien, nämlich ein Übermaß an so genannten „Firmicutes“-Bakterien und zu wenige „Bacteroidetes“-Bakterien.
Um dem nachzugehen, wurde das Darm-Mikrobiom des schlanken Zwillings einer Gruppe an keimfrei aufgezogenen Mäusen transplantiert und das des übergewichtigen Zwillings einer anderen Mäusegruppe.
Beide Mäusegruppen erhielten im Anschluss das exakt gleiche Futter. Die bahnbrechende Erkenntnis: Jene Mäuse, die das Mikrobiom der übergewichtigen Zwillinge erhalten hatten, nahmen signifikant mehr an Gewicht zu als jene, die das Mikrobiom der schlanken Zwillinge bekommen hatten.
Gute „Futterverwerter“
Das kann eine Erklärung sein, warum manche Menschen trotz Ernährungsumstellung kaum oder gar nicht an Gewicht verlieren: „Es gibt Menschen mit einer bestimmten Mikrobiom-Zusammensetzung, die es erleichtert, bei einem Überangebot an Kalorien zuzunehmen. Das war vor einigen hundert Jahren ein echter evolutionärer Vorteil, weil man in Zeiten von mangelndem Nahrungsangebot nicht gleich verhungert ist, aber heute – in einer Zeit des Nahrungsüberangebots in der westlichen Welt – ist es ein Nachteil.“
Es ist bekannt, dass Firmicutes-Bakterien selbst aus unverdaulichen Ballaststoffen noch Kalorien herausholen. Bacteroidetes hingegen verkapseln unverbrauchte Kohlenhydrate, wodurch diese mit dem Stuhl ausgeschieden werden können. Das Mikrobiom eines „guten Futterverwerters“ kann somit bis zu 30 % mehr Kalorien aus derselben Nahrungsmenge extrahieren als die Darmbakterien schlanker Menschen.
Diese Erkenntnisse verdeutlichen das Potential, das dem Mikrobiom bei der Behandlung von Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen wie Adipositas oder Diabetes Typ 2 zukommt.
Positive Effekte auf Stoffwechsel
Die Haupttherapie bei Adipositas ist eine Änderung des Lebensstils (bestehend aus Diät und mehr Bewegung). Gute Erfolge bei Gewichtsabnahme lassen sich mit Intervallfasten erzielen (z. B. an nur jedem 2. Tag essen) – und die dabei erzielten positiven Auswirkungen auf die Gesundheit sind durch Forschung belegt: Intervallfasten verbessert nicht nur die Mikrobiom-Zusammensetzung (was zu einer vermehrten Produktion von entzündungshemmenden kurzkettigen Fettsäuren führt), sondern bewirkt auch ein „Browning“ des weißen Fettgewebes – braunes Fettgewebe bringt einen vermehrten Grundumsatz mit sich, was das Abnehmen wiederum erleichtert.
In einer jüngst durchgeführten Studie mit Menschen, die Typ-1-Diabetes haben (also jene Form des Diabetes, bei der der Körper zu wenig oder kein Insulin produziert), zeigte sich sogar, dass durch Intervallfasten der körperliche Bedarf an Insulin reduziert wird. Doch Diäten wie das Intervallfasten sind im Alltag auf die Dauer schwer umzusetzen: Essen ist eben mehr als Nahrungsaufnahme – es stillt auch soziale und psychologische Bedürfnisse: Geselligkeit, Belohnung, Entspannung, Ablenkung etc. Und langfristig gelingt es nach einer erfolgreichen Gewichtsabnahme nur den wenigsten, ihr neues Gewicht auch zu halten.
Abnehmspritzen & Stuhltransplantationen
„Durch die Herabsetzung des Grundumsatzes sind Langzeiterfolge eher bescheiden. Wenn jemand sehr stark abnimmt, ändert sich die gesamte metabolische Situation und man nimmt mehr Energie aus der Nahrung auf als vor der Gewichtsabnahme. Das ist der berühmte Jo-Jo-Effekt, der auch wissenschaftlich gut belegt ist“, erklärt Stadlbauer-Köllner.
So verwundert es nicht, dass Betroffene in den vermeintlich „einfachen“ Wegen der Gewichtsabnahme via Pillen oder „Abnehmspritzen“ eine lang ersehnte Hoffnung erfüllt sehen oder auch chirurgische Eingriffe (Magenbypass-Operationen) auf sich nehmen – mit dem Risiko, dass es zu schweren Nebenwirkungen und Komplikationen kommen kann. Nicht zu vergessen, setzt eine Therapie erst dann an, wenn das Problem schon da ist.
Daher ist für die Expertin die Vorbeugung auf gesellschaftlicher Ebene zumindest ebenso wichtig: „Die Nahrungsmittelindustrie hat ein Interesse daran, uns an bestimmte Lebensmittel mit viel Zucker und Fett zu gewöhnen, sodass wir stets ein Verlangen danach haben“, so Stadlbauer-Köllner, „daher wären prophylaktische Maßnahmen sehr, sehr wichtig.“
Was in den letzten Jahren auch vielfach mit einer Mischung aus Staunen und auch Befremden diskutiert wurde, sind Stuhltransplantationen. Die Medizinerin sieht darin aufgrund der Vielzahl von Betroffenen weniger eine geeignete Therapieform als vielmehr eine Möglichkeit, erneut die Zusammenhänge zwischen Mikrobiom und Adipositas bzw. Diabetes zu erforschen.
Um ein Beispiel zu nennen: Im Rahmen einer Forschungsarbeit wurde Diabetikern der Stuhl von schlanken Nicht-Diabetikern transplantiert – mit der Folge, dass sich deren Insulinresistenz tatsächlich verbesserte. In einem Fall wurde sogar der Stuhl eines übergewichtigen Menschen einem schlanken transplantiert, woraufhin die Stuhlempfängerin an Gewicht zunahm (seither schreiben die Guidelines vor, dass nur schlanke Stuhlspender zugelassen werden).
Therapieoption Probiotika
Da die Mikrobiom-Veränderungen bei all den Krankheitsbildern, die mit dem Metabolischen Syndrom zusammenhängen, sehr ähnlich sind, liegt in der Verbesserung der Mikrobiom-Zusammensetzung ein zukunftsweisender Therapieansatz: In mehreren klinischen Studien wurde durch die Gabe von Probiotika ein Gewichtsabnahmetrend bewirkt, ohne dass es begleitende Diäten oder Lebensstilveränderungen gab.
Zudem wurden positive Effekte auf BMI, Taillenumfang, Körperfettanteil und den Zucker- und Fettstoffwechsel nachgewiesen. Es hat sich herausgestellt, dass eine Anwendungsdauer von 6 Monaten stärkere Effekte erzielt als eine Dauer von 3 Monaten – und auch unter einer höheren Dosierung der Probiotika zeigten sich bessere Wirkungen.
Was jetzt gefragt ist, ist der richtige Schritt aus der Theorie in die ärztliche Praxis. „Es muss Konsensus-Empfehlungen geben: Welche diagnostischen Rückschlüsse lassen sich aus dem Mikrobiom gewinnen?“, macht Stadlbauer-Köllner aufmerksam. Und auch die Forschung müsse weiterhin solide Studiendaten bereitstellen, damit die Mikrobiom-Therapie via medizinisch relevanter Probiotika in die Liste der von den Sozialversicherungsträgern anerkannten Therapien aufgenommen werde – und somit allen Menschen zugänglich ist.