21. Mai 2021

Cholesterinspiegel außer Kontrolle

Cholesterin ist einer jener Blutwerte, über den fast jeder spricht. Den meisten ist bekannt, dass es „gutes“ und „schlechtes“ Cholesterin gibt, aber damit endet oftmals das Wissen über diesen essenziellen Baustein verschiedenster Stoffwechselvorgänge. Im Gespräch mit Prof. Dr. Michaela Döll, Expertin für Ernährungsmedizin und Buchautorin, klärt „bauchgefühl“ die relevantesten Fragen dazu und sammelt wertvolle Tipps für Sie, wie man den Cholesterinspiegel auf natürliche Weise in den Griff bekommen kann.

Prof. Dr. rer. nat. Döll © Foto Schmelcka

Prof. Dr. rer. nat. Michaela Döll*
© Foto Schmelcka

bauchgefühl: Frau Prof. Dr. Döll, Sie engagieren sich seit mehr als 20 Jahren in der Ernährungsmedizin und haben zahlreiche Publikationen in den Bereichen der Ganzheitlichen Medizin und der Gesundheitsvorsorge veröffentlicht.

Sie beschäftigen sich auch intensiv mit dem Cholesterin, über das viel und vorwiegend negativ gesprochen wird, obwohl diese Substanz für den Stoffwechsel von großer Bedeutung ist. Können Sie unseren Lesern näherbringen, was Cholesterin eigentlich ist und wofür unser Körper es benötigt?

Prof. Dr. Michaela Döll: Cholesterin ist nicht von Grund auf schädlich, sondern ein sehr wichtiger Naturstoff. Landläufig wird Cholesterin als Fett betrachtet – doch rein chemisch gesehen gehört jene Substanz aufgrund ihrer Struktur zu den Alkoholen.

Sie wird im Körper vor allem in der Leber gebildet, und diese Eigenproduktion ist unverzichtbar, denn Cholesterin erfüllt im Organismus eine ganze Reihe wichtiger physiologischer Funktionen: Beispielsweise ist es ein wesentlicher Bestandteil unserer Zellmembranen. Diese wiederum erledigen etliche Aufgaben, etwa den Transport von (Nähr-) Stoffen von einer Zelle zur anderen oder den Informationsaustausch zwischen den Zellen.

Außerdem werden pro Sekunde im Körper ungefähr 50 Millionen Zellen erneuert – hierfür wird das Cholesterin als Baustoff benötigt. Cholesterin ist aber auch bedeutsam für Funktionen des Gehirns und der Nerven. Unter anderem spielt es bei der Neubildung von Synapsen (Anmerkung: Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen) eine Rolle und beeinflusst Prozesse des Gehirnstoffwechsels. Zusammengefasst kann man also sagen: Cholesterin sorgt für einen guten „Flow“ im Gehirn.

Darüber hinaus ist es ein wesentlicher Ausgangsstoff einer ganzen Reihe von Hormonen. Der Körper kann keine Sexualhormone bilden, ohne Cholesterin als Vorstufe zur Verfügung zu haben. Zu den Sexualhormonen zählen Östrogen und Progesteron bei der Frau sowie Androgene beim Mann. Cholesterin ist zudem für die Bereitstellung von Stresshormonen wie Cortisol zuständig und fungiert als Ausgangssubstanz von Vitamin D. Dieses „Sonnenvitamin“ wird in den oberen Hautschichten mit Hilfe von UV-Licht gebildet und unter anderem von Knochen, Muskeln und Immunsystem benötigt. Auch für eine funktionierende Verdauung ist Cholesterin entscheidend, denn es wird in der Leber zu Gallensäuren umgebaut – und diese sind wiederum für die Fettverdauung unerlässlich. Cholesterin ist also ein richtiger „Tausendsassa“ und für den Körper wesentlich wichtiger, als sein Ruf es vermuten lässt.

Erhöhter Cholesterinspiegel

bauchgefühl: Obwohl das Cholesterin von so großer Bedeutung für unseren Organismus ist, kennt fast jeder in seinem Umfeld jemanden, der Cholesterinsenker einnimmt – seien es Statine oder pflanzliche Medikamente. Woran liegt es, dass anscheinend bei so vielen Personen die Cholesterinwerte entgleist sind? Und: Ist ein erhöhter Cholesterinspiegel automatisch gefährlich?

Prof. Dr. Michaela Döll: Zunächst muss man sich vergegenwärtigen, dass die Cholesterin-Ziel- bzw. Grenzwerte in den vergangenen Jahrzehnten permanent nach unten reguliert wurden, sowohl was das „schlechte“ Cholesterin als auch was das Gesamtcholesterin angeht. Das trägt dazu bei, dass aus schulmedizinischer Sicht immer mehr Menschen einen erhöhten Cholesterinspiegel haben und entsprechende Medikamente verordnet werden.

Wichtig ist, den Cholesterinspiegel nie isoliert, sondern immer in Zusammenhang mit weiteren Herz-Kreislauf-Risikofaktoren zu betrachten.

Liegt Bluthochdruck vor? Besteht Übergewicht? Ist ein Raucher-Status gegeben? Ist der Homozystein-Wert erhöht (Anmerkung: Ist das Vorkommen dieser Aminosäure erhöht, steigt das Risiko einer Arterienverkalkung)? All jene Risikofaktoren müssen gemeinsam betrachtet werden, um zu entscheiden, ob eine Therapie des Cholesterinspiegels notwendig ist. Eine immer öfter auftretende Kombination verschiedener Herz-Kreislauf-Risikofaktoren stellt das sogenannte Metabolische Syndrom dar – ca. 20 % der Bevölkerung weisen Übergewicht in Kombination mit Bluthochdruck, einem gestörten Zuckerstoffwechsel oder eben einem erhöhten Cholesterinspiegel auf.

Cholesterin natürlich im Griff

bauchgefühl: Sie legen großen Wert darauf, Ihren Patienten so weit als möglich mit Ernährungsmedizin zu helfen, und beschreiben in Ihrem Buch „Cholesterin natürlich im Griff“ verschiedene Nahrungsmittel, mit deren Unterstützung man den Cholesterinwert wieder in geordnete Bahnen lenken kann. Welche Lebensmittel empfehlen Sie und warum sind diese Ihrer Meinung nach so wertvoll?

Prof. Dr. Michaela Döll: Ein besonders wertvolles Lebensmittel ist der fermentierte rote Reis. Dazu bedarf es einer Erklärung: Der fermentierte rote Reis hat nichts mit den rot gefärbten Reiskörnern zu tun, die beispielsweise in Reformhäusern erhältlich sind. Vielmehr werden dem Reis bestimmte Mikroorganismen hinzugefügt, welche ihn fermentieren.

Bei diesem Prozess entstehen unter anderem der rote Farbstoff und – was noch viel wichtiger ist – eine Substanz namens Monacolin K. Sie kann nachweislich die Cholesterinsynthese in der Leber hemmen, und zwar an der gleichen Stelle, an welcher die Statine das tun. Allerdings gilt dieser Naturstoff als besser verträglich als die cholesterinsenkenden Medikamente.

Für Vitalpilze gibt es ebenfalls äußerst interessante Studien: Die besagten Pilze sind in der Lage, positiv auf den Fettstoffwechsel einzuwirken, und sie können eine leichte antidiabetische Wirkung entfalten, was natürlich in Hinblick auf das Metabolische Syndrom sehr interessant ist. Eingesetzt werden unter anderem der Shiitake-Pilz (Lentinula edodes), die Schmetterlingstramete (Coriolus versicolor) und der chinesische Raupenpilz (Cordyceps sinensis).

Den wohlschmeckenden Shiitake-Pilz kennt man auch aus der asiatischen Küche, viele andere Vitalpilze eignen sich jedoch nicht zum Verzehr, sie können daher nur in Form von Pulver oder Kapseln eingenommen werden. In der naturheilkundlichen Praxis setzt man in der Regel aber nicht auf einen einzelnen Pilz bzw. seine Wirkstoffe, sondern es werden mehrere komplementärmedizinische Mechanismen angewendet, die in Summe einen Vorteil für den Patienten darstellen.

bauchgefühl: Seit langer Zeit ist auch die Artischocke als „Leber-Pflanze“ bekannt, und man weiß, dass bitter schmeckende Pflanzen die Verdauung fördern. Was genau macht diese Pflanzen so besonders?

Prof. Dr. Michaela Döll: Bereits die alten Griechen und Römer wussten die Artischocke bei Verdauungsbeschwerden zu schätzen. Sie enthält bestimmte sekundäre Pflanzenstoffe, welche günstig für die Fettverdauung sind: Konkret wird die Leber beim Umbau des Cholesterins zu Gallensäuren unterstützt. Dadurch kommt es zu einer Senkung des „schlechten“ LDL- und des Gesamtcholesterins. Der Pflanze wird generell eine leberregenerierende Wirkung zugesprochen. Grundlegend förderlich für die Fettverdauung sind bitterstoffhaltige und damit bitter schmeckende Lebensmittel. Zu diesen gehören Bittersalate wie Chicorée, Löwenzahn oder Radicchio.

Wirkung von Coenzym Q10

bauchgefühl: Wenn sich bei stark erhöhten Cholesterinwerten die Anwendung von Statinen für die Cholesterinsenkung nicht vermeiden lässt, wird häufig empfohlen, zusätzlich Coenzym Q10 einzunehmen. Warum?

Prof. Dr. Michaela Döll: Coenzym Q10 ist ein vitaminähnlicher Stoff, der unverzichtbar für die Energiegewinnung innerhalb der Zellen ist. Vereinfacht gesagt, fungiert Coenzym Q10 als Treibstoff der Kraftwerke in unseren Zellen.

Vor allem energiebedürftige Organe, etwa das Gehirn und das Herz, bzw. Muskeln generell benötigen viel Coenzym Q10.

Die Anwendung von Statinen kann nun ein Problem mit der körpereigenen Herstellung von Coenzym Q10 verursachen: Sowohl Cholesterin als auch Coenzym Q10 werden im Körper aus einer gemeinsamen Vorstufe hergestellt (Anmerkung: aus Mevalonsäure). Die Statine greifen in diesen Stoffwechselprozess ein und blockieren die Bildung von Cholesterin – aber gleichzeitig auch die Herstellung von Coenzym Q10.

Dadurch kann es zu einem Mangel an Coenzym Q10 im Blut ebenso wie im Muskelgewebe kommen, was wiederum einige der häufigen Nebenwirkungen von Statinen erklärt: Vermehrt treten Muskelschmerzen oder -schwächen auf, Konzentrationsschwächen, depressive Verstimmungen, Müdigkeit und Antriebslosigkeit können die Patienten ebenfalls belasten. Statine sollten daher nur nach einer ganz klaren Abklärung des Nutzen-Risiko-Profils angewendet werden.

darmflora cholesterinspiegel im griff

Zusammenhang Darmflora und Cholesterinspiegel

bauchgefühl: Auch die Darmflora ist eine Möglichkeit, auf den Cholesterinspiegel einzuwirken. Wie erklären Sie den Zusammenhang zwischen der Darmflora und dem Cholesterinspiegel – und wie bringt man die Darmbakterien dazu, etwas Positives für die eigene Gesundheit zu tun?

Prof. Dr. Michaela Döll: Man weiß schon seit Längerem, dass die Darmflora bei einem der größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wesentlich mitmischt, und zwar beim Übergewicht. Die sogenannten „Dickmacher“-Keime sorgen dafür, dass sogar Ballaststoffe, die normalerweise in ganzer Form den Darm passieren, zerlegt und verwertet werden.

Das trägt erheblich zu einer Erhöhung des Körpergewichtes bei, im Jahr können das durchaus ein bis zwei Kilo sein, die durch einen fehlbesiedelten Darm „auf die Hüfte wandern“. Durch die gezielte Ernährung und spezifische Ballaststoffe kann man die Darmbakterien aber wieder auf „schlank“ programmieren.

Studien zeigen außerdem, dass sich Probiotika mit einer speziell ausgewählten Bakterienkombination günstig auf verschiedene Herz-Kreislauf-Parameter auswirken können, was insbesondere für Patienten mit mehreren Risikofaktoren wesentlich ist.

So werden die Blutzuckerwerte nach einer gewissen Anwendungsdauer – anders als durch die Gabe von Placebos – deutlich verbessert. Ebenso können die Blutfettwerte in Richtung des „guten“ HDL-Cholesterins verschoben werden.

Auch andere Werte, beispielsweise die Triglyceride, der Bauchumfang und das Gewicht, lassen sich positiv beeinflussen. Man sieht, wie wichtig unsere Darmbakterien sind. Gleichzeitig zeigen diese Erkenntnisse, dass man bereits im Vorfeld solchen Erkrankungen gegensteuern und das Risiko senken kann, Herz-Kreislauf-Krankheiten zu entwickeln, indem man auf eine „darmfreundliche“ Ernährung und damit auf seine Darmflora achtet.

Gesunde Ernährung

bauchgefühl: Haben Sie konkrete Tipps für eine darmfreundliche Ernährung? Welche Lebensmittel empfehlen Sie für ein gutes „Bauchgefühl“ und warum?

Prof. Dr. Michaela Döll: Es gibt bestimmte Gemüsesorten, die reich an Inulin sind. Das ist ein großartiges Futter für die „guten“ Darmbakterien, welche diesen Ballaststoff verwerten und dadurch gut wachsen und sich vermehren können. Insbesondere Schwarzwurzeln, Topinambur, Spargel, Chicorée, Löwenzahn und Artischocken stellen hervorragende Inulin-Quellen dar. Außerdem sind Pektine als Nährstoff für die „guten“ Bakterien relevant. Diese finden wir in verschiedenen Fruchtsorten, beispielsweise in Äpfeln (Apfelpektin), und hier vor allem in der Schale.

Als Fazit möchte ich festhalten, dass sowohl bestimmte Lebensmittel, Nähr- und Pflanzenstoffe als auch probiotische Bakterien ein enormes Potential haben. Es ist jedenfalls empfehlenswert, mit dem behandelnden Arzt über die Anwendung von Naturstoffen zu sprechen, um den Cholesterinspiegel ganz natürlich in den Griff zu bekommen.

bauchgefühl: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch und diesen wertvollen Einblick in die Ernährungsmedizin!

 

*Prof. Dr. rer. nat. Michaela Döll ist Diplombiologin, promovierte Pharmazeutin und Professorin an der TU Braunschweig im Fachbereich Lebensmittelchemie. Die Ernährungsmedizin und die Gesundheitsvorsorge zählen seit mehr als 20 Jahren zu ihren Schwerpunktthemen.

 
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