28. Okt 2021

Stuhlanalyse: Was sagt uns der Darm?

Die Betrachtung der Darmgesundheit – unter anderem durch Stuhlanalysen – rückt heutzutage immer mehr in den Fokus der Wissenschaft, aber auch der Patienten und Therapeuten. Wurde der Darm früher rein als Organ zur Verdauung und Aufnahme von Mikro- und Makronährstoffen betrachtet, erkennt die Wissenschaft heute mehr und mehr die vielfältigen Funktionen des Darms und seiner Mikroökologie sowie deren Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des gesamten Menschen. Stoffwechsel, Stimmung, Hormone und vieles mehr werden durch den Darm und seine bakterielle Besiedlung in großem Maße beeinflusst. Neben einer ausgeprägten wechselseitigen neurochemischen Verbindung zum Gehirn werden zudem zahlreiche chemische Substanzen im Darm produziert und in den Blutkreislauf abgegeben. Diese können sich sowohl positiv als auch negativ auf das System Mensch auswirken. Im Interview beantwortet Prof. Dr. med. Burkhard Schütz Fragen rund um dieses interessante Thema.

Prof. Dr. med. Burkhard Schütz im Porträt

Prof. Dr. med. Burkhard Schütz

bauchgefühl: Man hört immer wieder von Stuhlanalysen und ihrem Wert für Diagnostik und Therapie. Was genau versteht man unter dem Begriff „Stuhlanalyse“?

Prof. Dr. med. Burkhard Schütz: Der Begriff Stuhlanalyse beinhaltet mehrere Themenbereiche. Ein zentraler Aspekt sind die Analysen des intestinalen Mikrobioms. Also eine Untersuchung der bakteriellen Besiedlung im Darm. Wir wissen immer mehr darüber, welche Bakterienspezies oder -gattungen im Darm zu finden sind, welche einen positiven und welche einen negativen Einfluss auf den Darm oder unser Wohlbefinden haben.

Wir wissen, welche Bakterien dafür sorgen, dass sich häufig problematische Umweltkeime nicht ansiedeln, welche antientzündliche Stoffwechselprodukte bilden und sogar Einfluss auf den Hormonstatus oder die Entgiftung des Körpers haben.

Die bakterielle Zusammensetzung wird schon immer über kulturelle Anzucht der Bakterien im Labor dargestellt. Dieser Ansatz ist jedoch teilweise fehlerbehaftet bzw. lassen sich viele Gattungen einfach nicht mit vertretbarem Aufwand anzüchten. Deshalb wird seit einigen Jahren der Großteil der Bakterien durch genetische Sequenzierung identifiziert. Das heißt, Bakterien werden anhand ihrer DNA erkannt und ihre Mengenverhältnisse betrachtet.

Wir wissen, welche Bakterien dafür sorgen, dass sich häufig problematische Umweltkeime nicht ansiedeln, welche antientzündliche Stoffwechselprodukte bilden und sogar Einfluss auf den Hormonstatus oder die Entgiftung des Körpers haben.

Neben den Bakterien lassen sich über weitere molekulargenetische Methoden auch andere „Mitbewohner“ identifizieren. Hierzu gehören z. B. einzellige Parasiten oder Würmer. Auch eine Überwucherung mit Pilzen lässt sich erkennen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit der Bestimmung von funktionellen Markern. Mit diesen erhalten wir Auskunft über den Zustand der Darmschleimhaut oder des darmspezifischen Immunsystems. Auch können Hinweise für spezifische Unverträglichkeiten, z. B. Gluten oder bestimmte Zuckerarten, erkannt werden.

Wie wird eine Stuhlanalyse durchgeführt?

bauchgefühl: Wie genau funktioniert eine Stuhlanalyse? Ist die Entnahme der notwendigen Probe unangenehm oder schmerzhaft – und muss man dafür den Arzt aufsuchen?

Prof. Schütz: Nein, das ist natürlich nicht schmerzhaft. Wie der Name schon sagt, wird eine Stuhlprobe benötigt. Diese kann einfach zu Hause auf der Toilette mithilfe eines Stuhlfängers entnommen werden. Es gilt, einige Kleinigkeiten zu beachten, etwa dass die Stuhlprobe nicht mit Toilettenwasser in Berührung kommt.

Eventuell sollten bestimmte Medikamente oder Nahrungsergänzungen im Vorfeld der Probenentnahme ausgesetzt werden. Dies sollte aber in jedem Fall mit dem zuständigen Therapeuten besprochen werden. Die Probe kann dann – je nach Standort – mit der Post, dem Kurier oder dem Fahrdienst ins Labor geschickt werden. Das Ergebnis wird dann nach etwa fünf bis zehn Werktagen an den Therapeuten übersendet.

Wann eine Stuhlanalyse sinnvoll ist

bauchgefühl: Wann ist es sinnvoll, eine Stuhlanalyse machen zu lassen? Bei welchen Beschwerden sind die Ergebnisse besonders wertvoll?

Prof. Schütz: Eine molekulargenetische Stuhlanalyse ist insbesondere dann sinnvoll, wenn langanhaltende darmassoziierte Beschwerden vorliegen, die sich bei Untersuchungen durch den Hausarzt oder Gastroenterologen nicht aufklären ließen. In einigen Fällen findet man beispielsweise auch beim Reizdarmsyndrom bakterielle oder Schleimhautauffälligkeiten. Aber auch bei anderen bereits bekannten und teilweise langjährig medikamentös behandelten Erkrankungen kann eine Stuhlanalyse sinnvoll sein, um den Einfluss der Erkrankung und der Therapie auf das intestinale Mikrobiom zu bewerten.

Eine molekulargenetische Stuhlanalyse ist insbesondere dann sinnvoll, wenn langanhaltende darmassoziierte Beschwerden vorliegen, die sich bei Untersuchungen durch den Hausarzt oder Gastroenterologen nicht aufklären ließen.

Aufgrund der vielfältigen Zusammenhänge zwischen dem Darmmikrobiom und unserem Körper können Stuhlanalysen auch bei anderen Krankheitsbildern herangezogen werden, über die Eignung und die Sinnhaftigkeit einer Analyse sollte jedoch immer gemeinsam mit dem jeweiligen Therapeuten entschieden werden.

Grafische Darstellung des Aufbaus eines Bakteriums

Parameter bei einer Stuhlanalyse

bauchgefühl: Was genau kann man in der Stuhlanalyse messen? Was sind die wichtigsten Parameter und was sagen diese aus?

Prof. Schütz: Wichtige Parameter sind zum Beispiel die bakterielle Diversität (Anm.: die Vielfalt der Bakterien) und die Anteile bestimmter funktioneller Bakteriengruppen, welche entweder zu unserem Wohlbefinden beitragen, indem sie nützliche oder sogar essenzielle Stoffe produzieren, oder – ganz im Gegenteil – zu Risiken bei der Entstehung von Erkrankungen oder direkt zu Schleimhautbeeinträchtigungen beitragen können.

Die bakterielle Diversität hängt maßgeblich von äußeren Einflüssen wie der Ernährung oder der Medikation und letztendlich dem gesamten Lebenswandel eines Menschen ab.

Die bakterielle Diversität hängt maßgeblich von äußeren Einflüssen wie der Ernährung oder der Medikation und letztendlich dem gesamten Lebenswandel eines Menschen ab. Eine sehr niedrige bakterielle Diversität kann demnach einen Verlust von Funktionen des Mikrobioms zur Folge haben. Aus diesem Grund ist die Diversität ein wichtiger Parameter, der besonders nach erwarteten Beeinträchtigungen der Mikrobiota einen ersten Einblick ermöglicht.

Neben diesem Übersichtsparameter gibt es verschiedene funktionelle Bakterienpopulationen, die im Mittelpunkt der Analyse stehen. Die Gruppe der butyratbildenden Firmicutes ist ein Beispiel dafür, wie die Mikrobiota zur Gesundheit unseres Darmes und damit unseres ganzen Körpers beitragen kann. Das auf Basis von Ballaststoffen aus der Nahrung produzierte Butyrat (Anm.: eine wichtige kurzkettige Fettsäure) versorgt die Zellen der Darmschleimhaut (Kolonozyten) mit Energie und wird daher zu etwa 95 % direkt im Darm verbraucht. Diese Gruppe von Bakterien stärkt also direkt ihren eigenen Lebensraum.

Eine weitere Gruppe, die in manchen Konstellationen eher ungünstige Effekte haben kann, sind die Proteobacteria. Es handelt sich dabei um eine große Gruppe von Bakterien, die bei anteilig starkem Vorkommen im Darm wiederholt mit Erkrankungen assoziiert wurde und deren Mitglieder zum Teil problematische Stoffe produzieren. Proteobacteria finden sich in großer Zahl in unserer Umwelt und können sehr robust gegenüber antimikrobiellen Substanzen sein, weshalb ihr Anteil am Mikrobiom auch infolge von Antibiosen oder Chemotherapien ansteigen kann. Im Rahmen der Mikrobiomanalysen werden einzelne Subgruppen der Proteobacteria näher betrachtet, die schädliche Metabolite wie Phenole produzieren.

Neben solchen bakteriellen Gruppen sind auch einzelne Bakterienspezies relevant, welche besonders wichtige Funktionen übernehmen. Ein Beispiel hierfür wäre Akkermansia muciniphila, ein regelrecht prominenter Darmbewohner, der maßgeblich an der Barrierefunktion der Darmschleimhaut beteiligt ist, indem er die Produktion von Mucin (Anm.: einem wichtigen Schleimstoff) anregt.

Neben diesen bakteriellen Parametern sind aber auch enzymatische Einzelparameter für Therapeuten häufig unverzichtbar, um ein Gesamtbild zeichnen zu können. Calprotectin ermöglicht beispielsweise eine Aussage über das Entzündungsgeschehen. Zusätzlich werden die Mikrobiomanalysen durch die Betrachtung von krankmachenden Parasiten und Würmern erweitert. Die Möglichkeit, diese Parameter zu ergänzen, ist besonders dann sinnvoll, wenn nach der Reiserückkehr Symptome auftreten oder langfristig unspezifische Beschwerden vorliegen, deren Ursache nicht gefunden werden konnte.

Ergebnisse einer Stuhlanalyse

bauchgefühl: Wo kann man eine Stuhlanalyse vornehmen lassen? Welche Empfehlungen können aus dem Ergebnis einer Stuhlanalyse resultieren?

Prof. Schütz: Eine Stuhlanalyse sollte immer von einem kompetenten Therapeuten in Auftrag gegeben werden, der die Ergebnisse dann fachlich bewertet. Dieser kann entscheiden, welche Parameter zum aktuellen Beschwerdebild passen, und fachgerecht die Diagnostik in Auftrag geben. Aus den Ergebnissen können verschiedene Schlüsse gezogen werden. Zum einen bekommt man Einsicht in den Zustand des Darmmikrobioms, also der bakteriellen Zusammensetzung im Darm, zum anderen in den funktionellen Zustand, z. B. der Darmschleimhaut oder des Darmimmunsystems.

Hieraus können Handlungsempfehlungen abgeleitet werden, welche verschiedene therapeutische Bereiche abdecken. Der Therapieplan umfasst meist Strategien aus den Feldern Nahrungsergänzung, Ernährungsempfehlungen und Lifestyle-Maßnahmen, kann aber auch Inhalte etwa der Phytotherapie oder der Homöopathie enthalten. Beispielsweise können bei einer gereizten Darmschleimhaut sowohl Probiotika empfohlen werden, welche das Darmmilieu stabilisieren und über ihre Stoffwechselprodukte antientzündlich wirken, als auch Pflanzenstoffe oder z. B. Aminosäuren, welche direkt an der Schleimhaut gegen die Reizung arbeiten oder eine Regeneration des Schleims und somit die Schutzfunktion unterstützen.

bauchgefühl: Was müssen Ärzte, Therapeuten und Apotheken wissen, wenn sie ihren Klienten Stuhlanalysen anbieten?

Prof. Schütz: In jedem Fall sollten die Gesundheitsexperten in puncto „Darmdiagnostik und -therapie“ geschult sein und eine gewisse Erfahrung mitbringen. Das ist zum einen wichtig, um die richtige Analyse in Auftrag zu geben, aber vor allem, um eine fachlich richtige Auswertung und Empfehlungen vorzunehmen. Zu oft werden Patienten mit den Befunden alleingelassen oder nicht richtig beraten. Dadurch kann bei auffälligen Werten auch schnell eine Angst entstehen, welche aber meist unbegründet ist. Der Therapeut sollte imstande sein, Werte außerhalb des Referenzbereichs richtig einzuordnen und passend zur Diagnose des Patienten zu bewerten.

*Personenkurzbeschreibung

Prof. Dr. med. Burkhard Schütz im PorträtProf. Dr. med. Burkhard Schütz studierte in Gießen Humanmedizin und promovierte 1991 in Klinischer Immunologie. Nach einiger Zeit als Arzt in der pädiatrischen Onkologie wechselte er in die Grundlagenforschung, wo er sich molekulargenetisch ausbilden ließ und sich mit Fragen der Onkoneogenese beschäftigte (Prof. Tamura, Tokio). Prof. Schütz war als Ärztlicher Leiter und Vorstand in mehreren Unternehmen tätig. Seit 2004 ist er CEO und wissenschaftlicher Leiter der Biovis´ Diagnostik in Limburg. Als Direktor des „Institute for Stress and Microbiome-Research“ begleitet er eine Professur an der WMU Warschau und ist als Dozent am deutschsprachigen Gesundheitscampus an der Elisabeth-Universität Bratislava tätig.

 
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