11. Mrz 2019

Heidrun Valencak

Reizdarm und Mikrobiom

Rund jeder Fünfte leidet an einem Reizdarm-Syndrom – der Darm spielt verrückt und Durchfall, Blähungen und Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität und sogar die Arbeitsfähigkeit der Betroffenen. Welche zentrale Rolle unsere Darmflora bei einem Reizdarm spielt und welche Erkenntnisse aktuelle Studien mit Probiotika bei Reizdarm-Patienten zeigen, bespricht Mag. Anita Frauwallner mit Studienautor DDr. Adrian Moser. 

DDr. Adrian Moser

DDr. Adrian Moser*

Mag. Anita Frauwallner: Immer mehr Menschen leiden an einem sogenannten Reizdarm-Syndrom oder kommen im familiären Umfeld oder im Freundeskreis mit diesem Beschwerdebild in Berührung.  Deshalb möchte ich Sie zuallererst fragen: Was genau versteht man unter einem Reizdarm-Syndrom? Gibt es bestimmte Ursachen dafür, dass der Verdauungstrakt solche Probleme macht?

DDr. Adrian Moser: Patienten mit einem Reizdarm-Syndrom leiden unter chronischen Beschwerden des Darms wie Bauchschmerzen, Blähungen und verändertem Stuhlgang. Die auftretenden Symptome beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen zum Teil ganz massiv. Die Diagnose eines Reizdarm-Syndroms ist eine Ausschluss-Diagnose, d. h. es müssen zunächst andere Ursachen für die Beschwerden, wie z. B. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Zöliakie, Unverträglichkeiten oder ein Parasitenbefall oder, vom Arzt ausgeschlossen werden. Wenn all dies nicht zutrifft, lässt sich ein Reizdarm-Syndrom diagnostizieren.

Die Hintergründe, warum der Verdauungstrakt plötzlich so verrücktspielt, sind noch nicht vollständig verstanden. Hauptsächlich wird aber vermutet, dass es ein Problem bzw. eine Fehlkonstellation der Darmflora gibt: Dies betrifft nicht nur die Zusammensetzung der Bakterienstämme selbst, also die Diversität, sondern vor allem auch die vom Mikrobiom produzierten Botenstoffe.

Mag. Anita Frauwallner: Welche Ursachen konnte man bisher definieren, die bei Reizdarm-Patienten diese massiven Beschwerden auslösen?

DDr. Adrian Moser: Man weiß definitiv, dass Stress und die Psyche eine große Rolle spielen. Ähnlich wie beim Henne-Ei-Prinzip ist hier jedoch unklar, ob eine psychische Problematik das Reizdarm-Syndrom auslöst oder ob der körperliche Leidensdruck der Patienten –  also Durchfall und Schmerzen – zu psychischen Problemen führt.

Unbestritten ist zudem, dass die Funktionsachse zwischen Verdauungstrakt und Gehirn bei diesem Beschwerdebild sehr aktiv ist und dass Veränderungen der Darmflora einen immensen Einfluss auf die Psyche haben. In diesem Zusammenhang spielt auch die Ernährung eine große Rolle, da wir ja über unsere Nahrung die Zusammensetzung der Darmflora wesentlich beeinflussen können: In der Therapie des Reizdarm-Syndroms wird dem Patienten eine Karenz von diversen Inhaltsstoffen, etwa von Laktose oder Fruktose und auch anderen blähenden Stoffen (FODMAPs), angeraten, was häufig eine Linderung der Symptome mit sich bringt, auch wenn die Umsetzung im Alltag oftmals schwierig ist.

Studien bestätigen, dass Ernährungsumstellungen auch auf die Psyche, z. B. bei Depressionen, positive Effekte haben: Viele Neurotransmitter werden zu einem großen Teil im Darm gebildet. Wird der Darm durch gesunde Ernährung unterstützt, kann man damit die Produktion der Botenstoffe und folglich die Psyche verbessern. Bei Patienten mit Reizdarm-Syndrom schlägt man damit quasi zwei Fliegen mit einer Klappe, indem man Darm und Psyche gleichzeitig positiv beeinflusst.

Mag. Anita Frauwallner: Das klingt nach einem sehr komplexen Krankheitsbild. Schlägt sich das auch in der Behandlung nieder oder gibt es eine Standardtherapie?

DDr. Adrian Moser: Die Therapie ist für jeden Patienten unterschiedlich und sollte auf die jeweiligen Hintergründe, Bedürfnisse und Symptome zugeschnitten sein. Großes Potenzial hinsichtlich der Symptomverbesserung hat eine Änderung des Lebensstils: Beim Thema „Ernährung“ geht es sowohl um gesundes Essen (frisch gekocht, regional, ausgewogen vs. industriell gefertigte Nahrung) als auch um regelmäßige Essenszeiten, die für den Darm sehr wichtig sind. Zudem ist Bewegung ein ganz wichtiger Faktor, denn sie hat einen äußerst positiven Einfluss auf die Darmmotilität (Anm.: Beweglichkeit des Darms) und auf die generelle Symptomatik des Reizdarm-Syndroms. Dazu kommt eine medikamentöse Behandlung der Symptome, die sich, je nach Beschwerdebild, von Patient zu Patient unterschiedlich gestaltet: Wenn Blähungen besonders stark auftreten, verschreibt man ein Antibläh-Mittel, bei Durchfall ein Mittel zur Verfestigung des Stuhls oder bei Verstopfung etwas, um den Gang auf die Toilette zu erleichtern. Auch Probiotika kommen bereits zur Anwendung und zeigen in einer Metaanalyse, in der viele Studien betrachtet werden, sehr gute Ergebnisse. Vor allem Reizdarm-Patienten mit Durchfall profitieren von Probiotika.

Mag. Anita Frauwallner: Sie haben vorhin bereits erwähnt, dass das Reizdarm-Syndrom einen starken Konnex mit dem Mikrobiom hat. Wie können Sie uns diesen Zusammenhang im Detail erklären?

Mag. Anita Frauwallner mit DDr. Adrian Moser DDr. Adrian Moser: Es verdichten sich die Hinweise, dass das Mikrobiom in seinem Aufbau und in seiner Zusammensetzung, aber auch in seiner Funktionalität bei Patienten mit einem Reizdarm gestört ist, und sich diese Problematik schließlich auf die Darmschleimhaut auswirkt. In der Schleimhaut sitzen Immunzellen und Nervenzellen, die von Botenstoffen beeinflusst werden. Man sieht beispielsweise, dass eine erhöhte Ausschüttung von Entzündungsstoffen zu einer Veränderung der Nervenaktivität führt: Es kommt zu einer Überaktivität der Nerven, was mit der Schmerzsymptomatik, sowie mit Blähungen und Durchfall eng verbunden sein kann.

Diese Schnittstelle zwischen Darmflora, Botenstoffen, Schleimhaut, Immunsystem und Nerven dürfte nicht nur beim Reizdarm-Syndrom eine große Rolle spielen, sondern auch bei Krankheiten wie Mb. Parkinson oder Alzheimer: Hier können Entzündungsprozesse in der Darmschleimhaut einen direkten Einfluss auf Entzündungsprozesse oder Ablagerungen im zentralen Nervensystem bzw. im Gehirn haben.

Mag. Anita Frauwallner: Die Ergründung dieser Zusammenhänge und ihrer Auswirkung sind bereits Gegenstand unserer Forschungen am Institut Allergosan – doch nun zu Ihrer Studie, die ganz aktuell veröffentlich wurde: Sie haben die Auswirkungen eines Synbiotikums (Anm: Kombination aus probiotischen Bakterien und präbiotischer „Nahrung“ für diese) bei Reizdarm-Patienten untersucht. Was ist das Besondere an dieser Studie und welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

DDr. Adrian Moser: Wir haben folgende Überlegungen angestellt: Wo können Synbiotika im Magen-Darm-Trakt wirken – eher im oberen oder unteren Bereich – und auf welchen Ebenen können sie Einfluss nehmen –  auf die Darmflora, auf deren Botenstoffe und Stoffwechselprodukte? Oder können sie auch einen direkten Einfluss auf die Immunzellen der Darmschleimhaut haben? Diese Überlegungen wollten wir im Rahmen einer Pilotstudie überprüfen, und haben deshalb 10 Patienten mit Reizdarm-Syndrom vom Durchfall-Typ in diese Studie eingeschlossen. Das Besondere daran ist der große Umfang unserer Untersuchungen: Wir haben vor und nach der 4-wöchigen Synbiotika-Therapie bei jedem Patienten eine Darmspiegelung durchgeführt und im Zuge dieser dem oberen und unteren Bereich des Darms jeweils Gewebeproben entnommen. Zusätzlich wurden  Stuhlproben genommen. Das alles wurde in sehr aufwändigen Verfahren analysiert, um zu sehen, ob sich das Mikrobiom in der Darmschleimhaut und im Stuhl verändert hat, ob es Auswirkungen auf Botenstoffe gegeben hat und ob die Immunzellen der Darmschleimhaut durch das Synbiotikum beeinflusst wurden. Die Pilotstudie zeigt, ob unsere Theorie auch tatsächlich funktionieren kann, sie ist jedoch nicht placebokontrolliert und daher „nur“ richtungsweisend, dennoch haben wir wirklich interessante Ergebnisse festgestellt:

Besonders eindrucksvoll war, dass das Synbiotikum die Diversität, also die Vielfalt des Mikrobioms im oberen Darmabschnitt, sehr stark beeinflusst hat. Außerdem wurde die Produktion der kurzkettigen Fettsäuren Butyrat und Acetat im Stuhl erheblich erhöht. Kurzkettige Fettsäuren wirken entzündungshemmend auf die Darmschleimhaut und sind ein wichtiger Energielieferant, um die Schleimhautzellen gesund und die Darmbarriere aufrecht zu erhalten. Wir konnten außerdem Effekte auf die Immunzellen in der Dickdarmschleimhaut erkennen. Über all diese biologischen Parameter hinaus haben wir auch noch den Schweregrad des Reizdarm-Syndroms untersucht, und auch hier zeigte sich, dass die Patienten nach der Therapie eine deutliche Verbesserung empfanden, was sich natürlich positiv auf die Lebensqualität ausgewirkt hat.

Unsere Pilotstudie gibt deutliche Hinweise darauf, dass Diversität und Funktionalität des Mikrobioms sowie Immunzellen und Schweregrad der Erkrankung durch das Synbiotikum positiv beeinflusst wurden.

Mag. Anita Frauwallner: Wie sehen Sie – basierend auf diesen Ergebnissen – die Bedeutung von Probiotika in der Therapie des Reizdarm-Syndroms?

DDr. Adrian Moser: Ich glaube, dass Probiotika auf jeden Fall einen noch größeren Stellenwert bekommen werden und dass in Zukunft noch viel hinsichtlich der Eigenschaften der einzelnen Stämme und die gezielte Zusammensetzung von Probiotika geforscht werden wird. Für die Behandlung des Reizdarm-Syndroms ist dies natürlich besonders spannend, da durch Probiotika möglicherweise eine ursachenrelevante Therapie ohne Nebenwirkungen möglich sein wird.

Außerdem glaube ich, dass die Darm-Hirn-Achse nicht nur beim Reizdarm-Syndrom eine zentrale Rolle spielt, sondern dass auch Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson durch probiotische Substanzen gezielt positiv beeinflusst werden können.

Mag. Anita Frauwallner: Herzlichen Dank für das Gespräch!

*DDr. Adrian Moser spezialisiert sich in seiner Arbeit auf die Interaktion zwischen Darmflora und Immunerkrankungen und hat bereits mehrere Studien zu unterschiedlichen Aspekten dieses Themas publiziert.


So erkennt man ein Reizdarm-Syndrom

  • Ein Reizdarm-Syndrom (RDS, engl. Irritable Bowel Syndrome/IBS) liegt vor, wenn die nachfolgenden 3 Kriterien erfüllt sind:
  • Es bestehen chronische – d. h. länger als 3 Monate anhaltende – Beschwerden (z. B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von dem Patienten und dem Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Änderungen im Stuhlgang (z. B. Verstopfung, Durchfall) einhergehen.
  • Aufgrund der Beschwerden sucht sich der Patient Hilfe und/oder sorgt sich so stark, dass die Lebensqualität hierdurch relevant beeinträchtigt wird.
  • Voraussetzung ist, dass andere Ursachen, die für die Symptome verantwortlich sein könnten, vom Arzt eindeutig ausgeschlossen werden.

(vgl. S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom, AWMF-Registriernummer: 021/016)

 

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