05. Okt 2022

Thore Hansen

Darmspiegelung (Koloskopie) und Mikrobiom

Chance für die Darmgesundheit

Eine Darmspiegelung (Koloskopie) zählt zu den wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen, um unsere (Darm-)Gesundheit zu erhalten und Gewebeveränderungen – z. B. auch Darmkrebs – rechtzeitig zu erkennen. Obwohl die technische und wissenschaftliche Weiterentwicklung der Koloskopie große Fortschritte gemacht hat, scheuen nach wie vor viele Menschen die an sich harmlose Untersuchung: Persönlich erlebte oder von Familie und Freunden berichtete Verdauungsbeschwerden sind häufig ein Grund, die Koloskopie nicht durchführen zu lassen. Dabei dient diese nicht nur der Früherkennung von Darmerkrankungen – auch die damit verbundene notwendige Entleerung des Darms kann einen großen gesundheitlichen Nutzen bieten.

Die Darmspiegelung wird fachlich als Koloskopie bezeichnet. Ihr Name stammt von „Colon“ (= der mittlere Abschnitt des Dickdarms) und „skopie“ (= betrachten, untersuchen). Die Geschichte der Koloskopie beginnt in den 1960er Jahren, als an der Universität Tokio ein Gerät zur Betrachtung des Darms von innen entwickelt wurde.

Bei der Darmspiegelung können Entzündungen, Polypen und Gewebeveränderungen bis hin zu Darmkrebs früh entdeckt und abgeklärt werden.

 

Vor rund 50 Jahren entwickelte der Schweizer Gastroenterologe Peter Deyhle dann ein Verfahren, um Darmpolypen im Rahmen der Darmspiegelung zu entfernen. Diese Vorsorgeuntersuchung wird heute allen Menschen rund um das 50. Lebensjahr empfohlen, um den Dickdarm und auch die letzten Zentimeter des Dünndarms von innen in Augenschein zu nehmen.

Denn: Medikamente, industrialisierte Nahrung und belastende Umwelteinflüsse, aber auch eine genetische Veranlagung können zu unterschiedlichen Beschwerden führen. Bei einer Darmspiegelung kann der Arzt nicht nur den gesamten Dickdarm untersuchen, sondern auch Gewebeproben ent- und kleinere Eingriffe vornehmen.

Warum ist die Koloskopie so wichtig?

Bei der Darmspiegelung können Entzündungen, Polypen und Gewebeveränderungen bis hin zu Darmkrebs früh entdeckt und abgeklärt werden. Dennoch scheuen immer noch viele Menschen die wichtige Vorsorgeuntersuchung – aktuell wird sie nur von ca. 40 % der Personen in Anspruch genommen. Diese Angst ist jedoch unbegründet, denn eine Koloskopie wird ausschließlich von Medizinern mit spezieller Ausbildung durchgeführt, in der Regel von einem Gastroenterologen. Generell ist die Darmspiegelung ein sicherer und schmerzfreier Eingriff mit einem sehr niedrigen Komplikationsrisiko – und in weniger als einer halben Stunde beendet. Zwar gibt es alternativ die Möglichkeit, den Darm auch mit einer Kapselendoskopie zu untersuchen (hierbei wird eine kleine Kapsel mit integrierter Kamera geschluckt) oder eine Betrachtung von außen mittels Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) vorzunehmen. Diese Alternativen sind jedoch kosten- und/oder zeitintensiver – und für die Entnahme einer Gewebeprobe oder die Entfernung von Polypen und Co erfolgt ohnehin eine Darmspiegelung – die Koloskopie ist sozusagen eine effiziente 2-in-1-Untersuchung.

Vorbereitung auf die Koloskopie

Um eine freie Sicht im Darm zu haben, ist es notwendig, ihn vollständig zu entleeren. Das erfordert zum einen ein kurzes Fasten, das, wie Sie später erfahren werden, eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen kann: 24 Stunden vorher darf keine schwer verdauliche Nahrung mehr aufgenommen werden. Die letzte feste Mahlzeit ist das Mittagsessen einen Tag vor der Darmspiegelung. Von da an gibt es nur noch Brühe, Tee und Wasser. Besonders körnerhaltige Lebensmittel sollten schon einige Tage zuvor gemieden werden, da diese sich gerne in der Darmwand festsetzen. Bei einer allgemeinen Darmträgheit ist es sinnvoll, mit der kurzfristigen Ernährungsumstellung unter Umständen noch früher zu beginnen.

Darüber hinaus bedarf es einer gründlichen Darmreinigung. Sie ist insofern wichtig, als der Darm nur im vollständig entleerten Zustand zuverlässig beurteilt werden kann. Zu diesem Zweck kommt ein Abführmittel, die sogenannte Darmlavage, zum Einsatz – und neben den technischen Fortschritten gibt es auch hier Verbesserungen: „Wenn ich an die Zeit vor 30 Jahren zurückdenke, mussten die Leute früh am Morgen oder mitten in der Nacht kommen und sechs Liter einer wässrigen Lösung trinken. Heute beschränkt sich das auf ca. zwei Liter, die auf zwei Tage verteilt werden. Das ist schon erheblich angenehmer“, erklärt der Darmspezialist Prof. Dr. med. Joachim Labenz vom Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen.

Die deutliche Reduktion von Abführmitteln, die man trinken muss, steigerte die Akzeptanz seitens der Patienten. „Ich persönlich empfinde das als deutlichen Fortschritt, zudem haben wir heute viel mehr Ärzte, die sehr qualifiziert sind und auf viel Erfahrung zurückgreifen können, was das Risiko von Komplikation stark gesenkt hat.“

Die ganze Vorbereitung erfolgt natürlich in enger Abstimmung mit dem betreuenden Arzt. Diesem ist übrigens auch mitzuteilen, wenn regelmäßig Medikamente eingenommen werden, weil das Abführen möglicherweise deren Wirkung beeinflusst. Manche Medikamente, z. B. mit blutverdünnenden Wirkstoffen, werden vor der Darmspiegelung eventuell abgesetzt.

Wenn man die Vor- und die möglichen Nachteile der Koloskopie abwägt, ist die Vorbereitung also keine große Herausforderung und schon gar kein Hindernis für eine Darmspiegelung.

Ablauf der Darmspiegelung – ein stetiger Fortschritt

Die Darmspiegelung ist normalerweise völlig schmerzfrei. Für viele Menschen ist es jedoch angenehmer, die Untersuchung nicht bewusst wahrzunehmen. Eine gewisse Bewegungslosigkeit der zu untersuchenden Person ist auch für den Arzt von Vorteil, da unwillkürliche oder plötzliche Bewegungen zu kleineren Verletzungen führen könnten. „Deshalb macht man die Koloskopie heute üblicherweise mit einer leichten Sedierung. Das heißt, die Untersuchung selbst ist für den Patienten nicht mehr unangenehm“, fügt der Gastroenterologe Prof. Dr. med. Labenz an.

Für die Koloskopie wird die Person in eine bequeme Seitenlage gebracht, anschließend das Koloskop, welches einem dünnen, flexiblen Schlauch ähnelt, mithilfe eines Gleitmittels in den After eingeführt. Damit sich die Darmfalten besser glätten, wird Luft in den Darm geblasen, um selbst kleinste Veränderungen besser sehen zu können. Hier wenden viele Ärzte, wie auch Prof. Dr. med. Labenz, ebenfalls eine fortschrittliche Alternative an. „Eine weitere Entwicklung, welche die Untersuchung für den Patienten angenehmer macht, ist die Anwendung von CO2 statt Raumluft. CO2 baut der Körper viel schneller ab. Deswegen haben die Leute nach der Untersuchung nicht mehr einen so ausgeprägten Blähbauch, den viele als sehr unangenehm empfinden. Dank der Verwendung von CO2 lässt sich das deutlich reduzieren.“

Hightech-Unterstützung bei der All-in-one-Untersuchung

Dann wird das Koloskop, das unter anderem Belichtung und Videoübertragung ermöglicht, sehr behutsam durch den gesamten Dickdarm geführt. Der Arzt sieht sich alles über einen Monitor an und begutachtet die gesamte Darminnenwand. Die Darmschleimhaut kann nach der Untersuchung durch die aufgezeichneten Aufnahmen noch genauer analysiert werden. Sollten sich Auffälligkeiten an der Darmwand zeigen, kann der Arzt mithilfe von winzigen Zangen sofort Proben entnehmen und im Labor untersuchen lassen. Insbesondere die Entdeckung sogenannter Polypen ist eine zentrale Aufgabe der Koloskopie: An sich sind diese Schleimhautvorwölbungen im (Dick-)Darm harmlos, doch kann sich daraus Darmkrebs entwickeln. Daher ist eine rechtzeitige Entfernung sinnvoll.

„Wir haben große Fortschritte bei der Entdeckung von Polypen gemacht, einerseits durch eine verbesserte Technik, andererseits durch die zunehmende Erfahrung des Untersuchungsteams. Zukünftig könnte auch künstliche Intelligenz eingesetzt werden. Maschinen und Programme, die dem Arzt bei der Entdeckung von ganz kleinen Polypen helfen. Dadurch steigt die Zahl der rechtzeitig entdeckten Polypen, die präventiv entfernt werden. Selbst das minimale Risiko von Nachblutungen bei der Entfernung von Polypen ist kein Problem, da die Blutung ganz einfach gestillt werden kann.“

Zu diesem Zweck enthält das Koloskop über einen Kanal kleine Schlingen, die um die Polypen geführt werden und sie abtrennen. Auch das ist in der Regel völlig schmerzlos. Die Darmspiegelung selbst dauert normalerweise weniger als eine halbe Stunde und erfolgt ambulant. Eine stationäre Behandlung ist nur in Ausnahmefällen erforderlich. Ist die Untersuchung abgeschlossen, wird der Schlauch vorsichtig wieder entfernt und es ist sofort möglich, zu essen und das gewohnte Alltagsleben wiederaufzunehmen. Lediglich empfiehlt es sich, den Heimweg in Begleitung einer vertrauten Person anzutreten, denn das Steuern eines Fahrzeugs (Auto, Motorrad, Fahrrad) ist aufgrund der leichten Sedierung nicht erlaubt.

Was hat die Darmspiegelung mit dem Mikrobiom zu tun?

Eine Darmreinigung führt vorübergehend zu einer erheblichen Veränderung der natürlichen Darmflora. Seit die Wissenschaft mehr über die zentrale Bedeutung wie auch die Empfindlichkeit des menschlichen Mikrobioms weiß, geht man mit den Abführmitteln sparsamer um. Dennoch wird die Darmflora im Rahmen der Koloskopievorbereitung dezimiert: Ein wichtiger Teil jener Bakterien, die für unsere Verdauung und unser Immunsystem verantwortlich sind, geht vorübergehend verloren – die Verdauung funktioniert nicht mehr richtig und die Abwesenheit guter Bakterien ermöglicht es z. B. Fäulniskeimen, sich im Darm breitzumachen. Es kann nach einer Koloskopie sogar mehrere Wochen und Monate dauern, bis sich die Darmflora wieder erholt hat. Die besagte Veränderung des Mikrobioms macht sich bei bis zu 80 % der Patienten nach einer Darmspiegelung bemerkbar: Fast die Hälfte hat Blähungen, gefolgt von Durchfall, Bauchschmerzen und Verstopfung – und genau diese Nachwirkungen sind es, weswegen viele eine erneute Darmspiegelung ablehnen bzw. eine solche Untersuchung erst gar nicht vornehmen lassen, wenn Familie und Freunde ausführlich von den erlebten Beschwerden erzählen.

Darmspiegelung: Vorteil für die Darmgesundheit

Dabei ist die Koloskopie nicht nur die wichtigste Vorsorgeuntersuchung für den Darm: Die vorbereitenden Maßnahmen können für viele Menschen auch einen großen gesundheitlichen Nutzen zeitigen. Denn es gibt Stellen im Darm, etwa in Divertikeln (Anm.: Ausstülpungen des Darms nach außen, also quasi das Gegenteil von Polypen) oder in der Blinddarmmündung, wo sich Kot über Wochen und sogar Monate ansammeln kann, dort vor sich hin fault und Darm sowie Körper belastet. Diese Verdauungsrückstände werden durch die Darmlavage ebenfalls entfernt. „Es ist meiner Beobachtung zufolge gerade bei Patienten mit Divertikeln eigentlich schon immer so gewesen, dass jenen die Vorbereitung für die Darmspiegelung häufig guttut. Ich habe Patienten, die das zweimal im Jahr freiwillig machen – ohne Darmspiegelung. Danach berichten sie, dass es ihnen über Wochen oder sogar Monate deutlich besser gehe“, erklärt der Experte.

Probiotika – eine weitere Verbesserung für die Koloskopie?

Auch für Prof. Dr. med. Labenz ist der Zusammenhang zwischen der Koloskopievorbereitung, der Darmflora und Darmbeschwerden von großer Relevanz. Deswegen wurde eine klinische Studie durchgeführt: „Es ist völlig klar, dass man bei einer Darmspülung Effekte auf das Mikrobiom hat. Und da erscheint es schon sinnvoll, nach einer Koloskopie ein Probiotikum zu nehmen, um die Diversität, also die Qualität des Darmmikrobioms, zu erhöhen.

Wir haben daher vier Wochen lang untersucht, ob die Patienten nach einer Koloskopie Beschwerden hatten und ob das unter Placebo anders war als unter Anwendung eines Probiotikums. Und wir haben die Zusammensetzung der Darmflora mit den heutigen modernen Methoden untersucht, um festzustellen, ob das Probiotikum eine Auswirkung auf die Vielfalt des Mikrobioms hat, also auf seine Diversität. Sie gilt als Qualitätsmerkmal des Mikrobioms: Je diverser es ist, desto gesünder ist man.“

Die Ergebnisse dieser aktuellen Studie [1] lassen aufhorchen: Denn in der Probiotikagruppe war tatsächlich die sogenannte Alphadiversität, also die Vielfalt des Mikrobioms im Darm des jeweiligen Patienten, deutlich höher als in der Placebogruppe. Bemerkenswert war außerdem das signifikant erhöhte Vorkommen eines jener Bakterienstämme, die im eingenommenen Probiotikum enthalten waren.

Wenn jemand nach einer Koloskopie etwas Gutes für sich tun will, kann man sagen: Nehmen Sie für vier Wochen ein spezielles Probiotikum, damit helfen Sie Ihrem Darm und Ihrem Mikrobiom.

Was besonders interessant für all jene ist, die eine Darmspiegelung aufgrund der daraus resultierenden Verdauungsbeschwerden bis jetzt gescheut haben: Unter der Einnahme des Probiotikums kam es zu signifikant weniger Tagen mit Verstopfung. Darüber hinaus wurden deutlich weniger Tage mit Verdauungsbeschwerden wie Durchfall oder Blähungen verzeichnet.

„Wenn jemand nach einer Koloskopie etwas Gutes für sich tun will, kann man sagen: Nehmen Sie für vier Wochen ein spezielles Probiotikum, damit helfen Sie Ihrem Darm und Ihrem Mikrobiom. Das ist sicher ein Schluss, den ich aus den Daten der Studie ziehen würde“, lautet das positive Resümee von Prof. Dr. med. Labenz.

 

Quelle:

[1] Labenz, J. et al. Ein Multispezies-Probiotikum zeigt einen positiven Effekt auf das intestinale Mikrobiom und reduziert Darmsymptome nach einer oralen Darmlavage zur Vorsorge-Koloskopie: randomisierte, doppelblinde, plazebokontrollierte Multicenterstudie (COLONIZE). Z Gastroenterol. 60(08): 643–643 (2022) DOI 10.1055/s-0042-1755100

 

Personenkurzbeschreibung:

Professor Dr. Joachim Labenz: Professor Dr. Joachim Labenz: Privatpraxis für Gastroenterologie & Hepatologie am Diakonie Klinikum Jung-Stilling, Siegen (D), em. Direktor der Medizinischen Klinik I

 
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